Am 26. Mai 2026 prüft das Landgericht München im Rahmen eines Zivilprozesses, ob die TÜV Süd AG für die Katastrophe von Brumadinho haftet - mehr als 1.500 Kläger*innen kämpfen um Gerechtigkeit und fordern insgesamt rund 600 Millionen Euro Schadensersatz. Während in Brasilien bereits strafrechtlich gegen Mitarbeiter des Bergbaukonzerns Vale und TÜV Süd verhandelt wird, hat die Münchener Staatsanwaltschaft nach über sechs Jahren noch immer weder Anklage gegen TÜV-Süd-Mitarbeiter erhoben, noch die Ermittlungen abgeschlossen.  

Am 25. Januar 2019 brach in Brumadinho in Brasilien ein Rückhaltebecken für giftige Bergbauabfälle des Bergbaukonzerns Vale. 270 Menschen starben, ganze Landstriche wurden zerstört und schwerwiegende Umweltschäden verursacht. Eine brasilianische Tochtergesellschaft von TÜV Süd hatte nur vier Monate zuvor die Stabilität des Damms zertifiziert, trotz bekannter Risiken eines Bruchs und unter Anwendung von Standards, die hinter brasilianischen und internationalen Maßstäben zurückblieben.

“Die Tochtergesellschaft der TÜV SÜD in Brasilien wurde von der Zentrale in München kontrolliert. Ermittlungen der brasilianischen Polizeibehörden zeigten, dass lokale Entscheidungen von deutschen Managern gebilligt wurden und dass das Unternehmen unannehmbare Risiken eingegangen ist, um die Rentabilität des Betriebs zu steigern. Die Katastrophe von Brumadinho wäre vermeidbar gewesen, und die Beteiligung des TÜV SÜD war entscheidend dafür, dass Leben nicht gerettet wurden. Es sind bereits mehr als sieben Jahre vergangen. Das deutsche Justizsystem muss mit Ernsthaftigkeit handeln und den Familien der Todesopfer sowie der gesamten betroffenen Bevölkerung in Brasilien eine Antwort geben”, sagt Danilo Chammas von der Misereor-Partnerorganisation Instituto Cordilheira.

Drei unterschiedliche Verfahren in Deutschland und Brasilien

Der Zivilprozess in München ist von den strafrechtlichen Verfahren in Deutschland und Brasilien zu unterscheiden. Bereits 2019 hatten Angehörige von Opfern gemeinsam mit dem European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und Misereor Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München gegen einen Mitarbeiter von TÜV Süd gestellt. Das Ermittlungsverfahren in Deutschland richtet sich auf die mögliche strafrechtliche Verantwortung einzelner Beteiligter. Bis heute hat die Münchner Staatsanwaltschaft jedoch weder Anklage erhoben noch über den Abschluss der Ermittlungen entschieden. In Brasilien hingegen hat die Justiz gehandelt: Am 23. Februar 2026 begann der Strafprozess gegen 16 Mitarbeiter des Bergbaukonzerns Vale und des Zertifizierers TÜV Süd, angeklagt unter anderem wegen 270-fachen Mordes und Umweltverbrechen. Der Strafprozess in Brasilien und der Zivilprozess in Deutschland markieren wichtige Schritte für die Betroffenen. Gleichzeitig wirft die anhaltende Verzögerung bei der Münchener Staatsanwaltschaft grundlegende Fragen nach der Verantwortlichkeit international tätiger Zertifizierungsunternehmen auf.

“Dass die Münchner Staatsanwaltschaft nach über sechs Jahren noch immer nicht über eine Anklage gegen TÜV-SÜD-Mitarbeiter entschieden hat, ist nicht nur ein Versagen gegenüber den Opfern von Brumadinho – es ist ein gefährliches Signal an die gesamte Branche: Wer zertifiziert, haftet nicht. Selbst nach einer der schwersten vorsätzlich in Kauf genommenen Bergbaukatastrophen der jüngeren Geschichte drohen die Verantwortlichen in Deutschland straffrei zu bleiben – weil die Ermittlungen verjähren, bevor ein Gericht überhaupt entschieden hat. Genau diese strukturelle  Verantwortungslosigkeit macht globale Zertifizierungssysteme so gefährlich”, sagt Felipe Bley Folly vom ECCHR.  

“Das Verbrechen von Brumadinho unterstreicht zugleich die Notwendigkeit einer Nachschärfung beim deutschen Lieferkettengesetz, das bisher keine Wiedergutmachung und keine zivilrechtliche Anspruchsgrundlage vorsieht, wenn Unternehmen Schäden verursachen. Bei der anstehenden Umsetzung der EU-Lieferkettenrichtlinie muss der deutsche Gesetzgeber dies korrigieren, um mehr Rechtssicherheit für Betroffene und mehr Klarheit für deutsche Unternehmen zu schaffen”, erklärt Armin Paasch von Misereor.

Fehlende Konsequenzen für Unternehmen und Zertifizierungsstellen lassen strukturelle Risiken im Bergbau fortbestehen. Der Fall Brumadinho zeigt exemplarisch die Gefahren eines Systems, in dem sicherheitsrelevante Prüfungen an kommerzielle Zertifizierer delegiert werden, die vom zu prüfenden Unternehmen selbst beauftragt und bezahlt werden – während wirksame staatliche Kontrolle und strafrechtliche Aufarbeitung ausbleiben. Entlang globaler Lieferketten – von Eisenerz über Kobalt bis zu Seltenen Erden – können transnationale Konzerne und ihre Tochterunternehmen Sorgfaltspflichten so lange systematisch umgehen, wie verbindliche Haftungsregeln fehlen und der Zugang zu Gerechtigkeit für Betroffene blockiert bleibt.
 

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