Zum Tod des Theologen und „Vaters der Theologie der Befreiung“, Gustavo Gutierrez, äußert sich Dr. Andreas Frick, Hauptgeschäftsführer beim katholischen Hilfswerk Misereor:
„Misereor trauert um Gustavo Gutierrez, der am 22. Oktober im Alter von 96 Jahren in Lima gestorben ist. Als katholisches Hilfswerk der Entwicklungszusammenarbeit danken wir dem Verstorbenen für sein Lebenszeugnis und drücken seiner Familie, seinen Angehörigen und Freunden unser tiefes Mitgefühl aus. Gutierrez war Misereor über Jahrzehnte eng verbunden und hat unser Werk als beeindruckende, kraftvolle Persönlichkeit nachhaltig inspiriert. Insbesondere die von ihm betonte „Option für die Armen“ gehört zu den Leitbildern unserer Projektarbeit im globalen Süden.
Der nach seinem gleichnamigen Buch als „Vater der Theologie der Befreiung“ bezeichnete Gustavo Gutierrez prägte nicht nur ganze Generationen von Theolog*innen, Christ*innen und Aktivist*innen sozialer Bewegungen Lateinamerikas, sondern sein Einfluss ging weit über die Grenzen des lateinamerikanischen Kontinents hinaus. Sein 1971 veröffentlichtes Werk „Teología de la Liberación“ entstand aus einem Vortrag, den Gutierrez im Vorfeld der Zweiten Generalversammlung des Lateinamerikanischen Episkopats 1968 in Medellín hielt. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und zeugt von einer bis heute andauernden nachhaltigen Wirkungsgeschichte.
Als „kritische Reflexion der historischen Praxis im Licht des Evangeliums“ – einer Praxis, die in der Nachfolge Jesu das Engagement für eine gerechte und solidarische Welt bedeutet, bildet das Buch den zentralen Kern seines Theologieverständnisses. Ausgangspunkt ist dabei immer die parteiliche Option für die Armen, also für diejenigen, die unter den herrschenden Unterdrückungsverhältnissen leiden. Selbst in einfachen ökonomischen Verhältnissen und seit seiner Kindheit mit Situationen persönlichen Leids und sozialen Ausschlusses konfrontiert, engagierte er sich schon in jungen Jahren in verschiedenen christlichen Jugend- und Studierendenbewegungen. Sein theologisches Nachdenken basierte auf seinen engen Verbindungen mit Gemeinden, die sich an den Rändern Limas befanden.
Mit dieser „Art der Theologie ausgehend von Situationen des Leids und der Marginalisierung“ wurde Ende der 1960er Jahre ein theologischer Paradigmenwechsel eingeleitet, in dem die Realität und nicht ein abstraktes Nachdenken zum Ausgangspunkt in der Frage nach Gott und christlicher Verantwortung in der Welt wird. Für die in diesem Kontext entstandenen kirchlichen Basisgemeinden war klar, dass Christ*innen sich in ihrem Handeln nicht aus den politischen Prozessen um Befreiung von Unterdrückungsstrukturen fernhalten konnten, wie sie bis weit in die 1980er Jahre in vielen lateinamerikanischen Ländern durch Militärdiktaturen vorherrschten. Christlicher Glaube bedeutete vielmehr, Teil der sozialen Kämpfe und Proteste gegen Ausbeutung und die mit Füßen getretene Menschenwürde zu sein. Als aktives Mitwirken an der Veränderung von Geschichte und Menschheit wurde Theologie so zu einer befreienden Aktion und zielte von Beginn an immer auch auf notwendige Veränderungen innerhalb der Kirche ab.
Als großer Denker, Theologe und engagierter Christ, der sich den konkreten Herausforderungen seiner Zeit verpflichtet wusste, hat Gustavo Gutierrez Impulse gesetzt, die über den damaligen Kontext und gerade auch für die heutige Zeit von großer Relevanz sind. Möge sein Tod uns immer an den Auftrag erinnern, uns jederzeit und allerorten den Leidenden der Welt verpflichtet zu wissen.
Theologie beschränkt sich dann nicht mehr darauf, die Welt gedanklich zu ergründen, sondern versucht, sich als ein Moment in dem Prozess zu verstehen, mittels dessen die Welt verändert wird. Weil sie – im Protest gegen die mit Füßen getretene menschliche Würde, im Kampf gegen die Ausbeutung der weitaus größten Mehrheit der Menschen, in der Liebe, die befreit, und bei der Schaffung einer neuen, gerechten und geschwisterlichen Gesellschaft – sich der Gabe des Reiches Gottes öffnet.“