
Als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle von MISEREOR sind wir an der Durchführung der Aufgaben dieses kirchlichen Hilfswerkes für Entwicklung verantwortlich und beteiligt.
Um dies menschen- und sachgerecht leisten zu können, geben wir uns dieses Leitbild. Es beschreibt vor dem Hintergrund wichtiger globaler Trends die zentralen Ziele und Aufgaben von MISEREOR und nennt Voraussetzungen wirksamer Arbeit. Uns und der Öffentlichkeit soll es Orientierungsrahmen und Entscheidungshilfe sein.
Die Welt erlebt Umbrüche wie selten zuvor in der Menschheitsgeschichte. Sie bergen Chancen und Gefahren, begründen Hoffnungen und Ängste.
Epochalen Rang gewinnt der Zusammenbruch der Systeme in Mittel- und Osteuropa. Er hat die Weltordnung in Bewegung gebracht, Demokratisierungsprozesse in vielen Ländern beschleunigt und die Voraussetzungen für internationale Zusammenarbeit verbessert. Viele Menschen in den armen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, die man Entwicklungsländer nennt, befürchten, dass ihre Sorgen den Ereignissen im Osten nachgeordnet werden.
Die Welt wächst mehr und mehr zusammen. Immer stärker hängen Staaten und Gesellschaften wechselseitig voneinander ab. Zugleich bestehen politische, soziale und auch konfessionelle Spaltungen fort, verschärfen sich sogar die krassen Gegensätze zwischen armen und reichen Ländern, Regionen und Bevölkerungsgruppen. Fast drei Viertel der Menschheit leben in großer Armut, verfügen nicht über das Nötigste für ein würdevolles Leben.
Armut, Bevölkerungswachstum und Kriege führen zu gewaltigen Wanderungs- und Flüchtlingsströmen in sicherere Zonen oder zu den Wohlstandsinseln des Nordens. Menschen, die Zuflucht und eine Lebensgrundlage suchen, erleben dort oft nur Ablehnung und Ausgrenzung.
Unter dem Druck "moderner" Einflüsse gehen traditionelle Lebensweisen und Kulturformen mehr und mehr zurück. Die Einschränkung kultureller Vielfalt und Identitätsverlust sind das Ergebnis. Oft lösen sie in bedrohlicher Weise Orientierungslosigkeit aus.
Die Armut in den Entwicklungsländern, vor allem aber der ressourcenaufwendige Lebensstil der Menschen in den Industrieländern bedrohen die natürlichen Lebensgrundlagen in einem Maße, dass die Zukunft der Menschheit in Frage steht. Immer drängender wird die Suche nach Lösungen.
In dieser schwierigen, aber auch zu Hoffnungen berechtigenden Weltlage wollen wir als zentrale Einrichtung der deutschen katholischen Kirche für Entwicklungszusammenarbeit denjenigen zur Seite stehen, die am schlimmsten unter Not und Ungerechtigkeit leiden - den Armen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Wir sind gemeinsam mit allen, die das Werk tragen und unterstützen, im Geiste des Evangeliums und der christlichen Sozialethik bestrebt, diesen besonders benachteiligten Menschen "zu einem Leben in Würde zu verhelfen und dadurch Gerechtigkeit, Freiheit, Versöhnung und Frieden in der Welt zu fördern" (Misereor-Statut, Art. 1.1). Das Angebot der Hilfe richtet sich grundsätzlich an alle Not Leidenden, ungeachtet von Rasse, Geschlecht, Nation oder Religion.
Uns leitet die Überzeugung, dass jede Entwicklung von den Menschen selbst ausgeht und alle Lebensbereiche umfasst (z.B. Wirtschaften, Sozialleben, Politik, Kultur, Religion). Deshalb richten wir unsere Hilfe so aus, dass sie die Selbsthilfe der Menschen stärkt und es ihnen ermöglicht, ihr individuelles und gemeinschaftliches Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Sie soll der Befriedung materieller und ideeller Grundbedürfnisse dienen, aber auch der Achtung vor der Schöpfung verpflichtet sein.
Die Solidarität mit den Armen macht die Bekämpfung ihrer Armut und Machtlosigkeit zum Hauptziel unserer Arbeit. Wo ungerechte, gesellschaftliche und politische Strukturen die Menschen unterdrücken, bedeutet Entwicklung daher auch Befreiung von solchen Strukturen. Unser Handeln beinhaltet dann nicht nur die Unterstützung der Menschen und ihrer Organisationen, die ungerechte Lebensbedingungen ändern wollen, sondern erfordert auch politische Einflussnahme überall dort auf der nationalen und internationalen Ebene, wo über das Fortbestehen oder die Beendigung solcher Verhältnisse entschieden wird.
Der Sinn jeder Entwicklungsbemühung ist es, die Lebenslage der Menschen nachhaltig zu verbessern. Das ist nur in längeren dynamischen Prozessen möglich, in denen die Menschen ihre Situation klar erkennen und verstehen lernen, was sie aus eigener Kraft und mit Hilfe anderer verändern können und in denen sie den Willen und die Fähigkeiten erwerben, das Mögliche und Notwendige zu tun. So entstehen selbstbewusste Gemeinschaften und Bewegungen der Armen als eigentliche Träger von Entwicklungsprozessen.
Hierfür bieten wir unsere Hilfe an. Sie drückt sich aus in der Unterstützung von Projekten Tausender Partner in allen Ländern der Dritten Welt und Aktionen in unserer Öffentlichkeit zugunsten der Armen. Wir sehen die Notwendigkeit, dass wir durch unsere Beteiligung am Entwicklungsprozess der Armen auch uns selbst und unsere Gesellschaft entwickeln.
Die Zusammenarbeit mit allen an der Entwicklungsarbeit Beteiligten - in der Dritten Welt wie bei uns - wollen wir in Partnerschaft gestalten.
Mit dieser sozialen Botschaft wenden wir uns an alle Menschen guten Willens und streben nach Allianzen der Solidarität.
Hauptziel der Arbeit mit den Partnern in Entwicklungsländern ist es, durch Förderung von vorrangig armenorientierten Projekten und Programmen zu nachhaltiger Entwicklung beizutragen.
Im Vordergrund stehen die Bedürfnisse der Partner. Unser Beitrag beinhaltet die Gewährung finanzieller Mittel, Beratung und Erfahrungsaustausch, Projektbegleitung, Auswertung durchgeführter Maßnahmen sowie Beistand für Partner, die in unmittelbare Bedrängnis geraten sind.
Alle diese Tätigkeiten sollen besonders benachteiligten Bevölkerungsgruppen zugute kommen. Dazu gehören Familien, die seit Generationen unter entwürdigenden Bedingungen leben; Menschen, die ihre natürlichen und wirtschaftlichen Existenzgrundlagen verlieren, die als Opfer fehlgeleiteter Entwicklungen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Armut und Unterdrückung finden ihre Ausdrucksformen auch in der kulturellen Entfremdung von Ureinwohnern, in der Benachteiligung ethnischer oder religiöser Minderheiten, in der Diskriminierung von Frauen, in der Verfolgung politisch unliebsamer Selbsthilfeorganisationen oder in menschenrechtsverletzender Gewalt. Die Hilfe gilt auch den Menschen in extremer Not, die sich selbst kaum noch helfen können, wie Alte, Behinderte, Waisen, Flüchtlinge oder Katastrophenopfer.
Unsere Partner sind diese Menschen selbst, ihre Fürsprecher oder lokale Organisationen, die sich der Betroffenen annehmen. Zu ihnen zählen vor allem kirchliche Einrichtungen, aber auch Genossenschaften, Gewerkschaften, Bauernverbände oder Selbsthilfegruppen.
Wir unterstützen die Arbeit der Partner vor Ort in folgenden Schlüsselbereichen: ländliche Entwicklung, Gesundheitswesen, Berufs- und Erwachsenenbildung, Kleingewerbeförderung, Selbsthilfewohnbau, Projekte der Sozialarbeit, Frauenförderung und Menschenrechtsarbeit, Schulung örtlicher Führungskräfte und Süd-Süd-Dialog. Dazu gehört auch die Mitarbeit von Entwicklungshelfern und Fachkräften.
Bei der Finanzierung dieser Arbeit werden Dienstleistungen und Güter aus den Entwicklungsländern bevorzugt. Ihr Einsatz dient der Stärkung der Selbsthilfekraft der Armen und der möglichst dauerhaften Verbesserung ihrer Lebenssituation. Die geförderten Maßnahmen sollen möglichst große Breitenwirkung entfalten, der Leistungsfähigkeit der Partner und den örtlichen Gegebenheiten angepasst sein, das menschliche Maß nicht sprengen und keine nachteiligen Wirkungen im sozialen und ökologischen Umfeld der Projekte hervorrufen.
Wir geben zunehmend Entscheidungskompetenz und Verantwortung an die Partner in Übersee ab, ohne jedoch die eigene Verantwortung im Rahmen der Prüfung und kritischen Begleitung von Entwicklungsvorhaben aufzugeben.
Auch die Inlandsarbeit leistet einen Beitrag zur Überwindung von Not und Ungerechtigkeit in Afrika, Asien und Lateinamerika. Ihre Hauptziele bestehen darin, auf das Los der betroffenen Menschen aufmerksam zu machen und ihre Interessen zu vertreten.
Hierbei geht es darum, die ethische und religiöse Herausforderung, die sich aus dem Nord-Süd-Konflikt gerade für die Christen in den reichen Ländern ergibt, zu verdeutlichen. Der Gedanke der Umkehr und des Teilens soll als handlungsleitende Norm nahegebracht werden. Er liegt auch der jährlichen Fastenaktion zugrunde.
Zu den Zielen gehört ferner dazu beizutragen, dass die Entwicklungszusammenarbeit an politischer Bedeutung und Rückhalt in der Öffentlichkeit gewinnt.
Gemeinsam mit den Partnern analysieren wir die Erscheinungsformen, Zusammenhänge und Ursachen von Verarmung, Unterdrückung und Zerstörung der Lebensgrundlagen in Entwicklungsländern in ihren örtlichen und internationalen Bezügen. Darüber informieren wir und zeigen Möglichkeiten des interkulturellen Lernens und der praktischen Solidarität auf, z.B. durch Arbeitshilfen für Pfarrgemeinden und Aktionsgruppen, Angebote von Projektpartnerschaften oder Förderung des alternativen Handels, insbesondere aber auch durch Spendenaufrufe oder sonstige Wege zur finanziellen und materiellen Unterstützung.
Wir beteiligen uns an der entwicklungspolitischen Diskussion in Deutschland und auf internationaler Ebene und wirken so auf politische und gesellschaftliche Willensbildungsprozesse ein. Zwei Ziele stehen dabei im Vordergrund:
In unserem eigenen Lande sollen Veränderungen der Wirtschafts- und Lebensweise möglich werden, damit die Entwicklungsländer Raum für selbstbestimmte Fortschritte gewinnen und, beispielsweise durch gerechtere Handelsstrukturen, von äußerer Hilfe unabhängiger werden.
In den Partnerländern sollen Bedingungen entstehen, welche die Selbsthilfe- und Teilhabemöglichkeiten der Armen erweitern.
Informationen, Botschaften und Handlungsangebote richten sich an spezifische Gruppen als Ziel und Mittler in Kirche und Gesellschaft oder auch an die allgemeine Öffentlichkeit. Sie bemühen sich um größtmögliche Authentizität und stellen die Lage der Menschen in den armen Ländern weder beschönigend noch verzerrend oder entwürdigend dar.
Als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen wir uns in besonderer Weise mit den Zielen und mit dem Auftrag von Misereor verbunden. Wir identifizieren uns mit dem jeweiligen Arbeitsbereich und setzen uns gleichermaßen für das gemeinsame Ziel ein. Eigeninitiative, Kreativität, Bereitschaft zur Verantwortung und zur Kooperation sowie fachliches Können des Einzelnen gewährleisten die Erfüllung des Gesamtauftrages. Dabei unterstützen uns Angebote der Fort- und Weiterbildung.
Offenheit in der Kommunikation, Sachlichkeit und gegenseitige Achtung bilden die unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit untereinander und mit unseren Partnern.
Unsere Arbeit gestaltet sich auf der Grundlage klar beschriebener Aufgaben und Befugnisse sowie der Beteiligung an Entscheidungsprozessen. Für ebenso wichtig halten wir die Akzeptanz der Leitungsverantwortung.
Die Vielfalt der Aufgaben erfordert eine Arbeits- und Aufgabenverteilung, die den sich verändernden Anforderungen gerecht werden muss. Kooperative Arbeitsformen eröffnen jeder Mitarbeiterin und jedem Mitarbeiter ein hohes Maß an Mitgestaltungsmöglichkeiten und führen zu besseren Arbeitsergebnissen.
Wir pflegen und entwickeln Kommunikationswege, die die Zusammenarbeit in der Geschäftsstelle fördern. Die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung nutzen wir in verantwortlicher Weise. Die notwendigen Informationen werden dokumentiert und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Partnern zur Verfügung gestellt. Arbeits- und Entscheidungsabläufe sind transparent und ermöglichen Ergebniskontrollen.
Um den vielen Hoffnungen der Partner materiell entsprechen zu können, werben wir Spenden ein und nehmen kirchliche und öffentliche Haushaltsmittel entgegen, wobei wir eine Steigerung der finanziellen Mittel anstreben.
Kostenbewusstsein, Grundsätze wirtschaftlichen Handelns, Effizienz und Qualitätsverbesserung der Arbeit bestimmen den Umgang mit den anvertrauten Geldern. Sie werden in Übereinstimmung mit den Grundsätzen von Misereor verwaltet, eingesetzt und kontrolliert. Über ihre Verwendung geben wir Rechenschaft.
In der Absicht, die Wirkung der einzelnen Anstrengungen zu erhöhen, suchen wir auf der Basis von Offenheit, Sachlichkeit und Glaubwürdigkeit die Zusammenarbeit mit katholischen Organisationen, anderen Religionsgemeinschaften sowie säkularen Initiativen im In- und Ausland. Die Weiterentwicklung der Ansätze und Konzepte der Armutsbekämpfung, die Förderung entwicklungsbezogener Bewusstseinsarbeit und die Interessenvertretung sind Bereiche der Zusammenarbeit.
Wir bemühen uns um breite Unterstützung durch kirchliche Gemeinschaften (Diözesen, Pfarrgemeinden, Verbände etc.) sowie kirchlich nicht gebundene Gruppen und Einzelpersonen. Im engen Erfahrungs- und Informationsaustausch mit ihnen arbeiten wir darauf hin, dass viele den Auftrag des Werkes in unserem Land mitgestalten.
Wir wollen den Ruf von Misereor als erfahrene und anerkannte kirchliche Fachstelle für Entwicklungszusammenarbeit festigen. Seine Rolle als Anwalt der Armen wollen wir glaubwürdig gestalten.
Den Partnern im In- und Ausland, den Geldgebern und der breiten Öffentlichkeit will Misereor ein zuverlässiger, kompetenter, kritischer und weltoffener Partner sein, der sich in den Dienst der Menschen stellt, die nach Entwicklung und Befreiung verlangen.