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Das MISEREOR-Hungertuch

Das MISEREOR-Hungertuch ist ein zentraler Bestandteil der MISEREOR-Fastenaktion. Jedes Jahr verwenden Gemeinden und Schulen das Hungertuch, um sich in der Fastenzeit und darüber hinaus mit drängenden Themen der sozialen Gerechtigkeit auseinander zu setzen. Der togolesische Künstler Sokey A. Edorh gestaltete das Hungertuch "Was ihr dem Geringsten tut".

 

FRAU

Wasser ist Leben für alle: Eine kraftvolle Frau zieht ihren schweren Karren hinter sich her. Sie bringt frisches Wasser, Mangelware in den Armenvierteln der Welt:

„Ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben“ heißt es bei Matthäus 25,35. Von den Grundrechten auf Nahrung, Wasser und Wohnen dürfen die Armen nicht ausgeschlossen bleiben.

Die Frau wird unterstützt von zwei Kindern, die ihre Beine in die Erde stemmen müssen, um schieben zu können.

"Ich wollte spielen, ihr aber habt mir keine Zeit zum Spielen gelassen", so könnte die negative Wendung in Anlehnung an Matthäus 25 hier lauten. Solange Kinder arbeiten müssen, haben sie keine Perspektive für ihr weiteres Leben.

LICHTKEGEL

Die Welt im Licht des Geistes sehen: Von der Taube geht ein Lichtkegel aus, der sich zur Welt hin öffnet.

Dieses Licht, so der Künstler, ist Ausdruck und Bild des Wirkens des göttlichen Geistes, der das Chaos bewegt und erwärmt und so zur Bedingung des Lebens wird.

Alle sind wir dazu aufgerufen, uns für die Benachteiligten einzusetzen.

KRANKE

Hoffnung auf Heilung: Eine organisierte Krankenversorgung und Gesundheitsvorsorge existiert in Armenvierteln nicht.

Die Verhältnisse sind vielmehr krankmachend: unzureichende Hygiene, mangelnde Bildung, ungenießbares Wasser, Hunger, keine Kanalisation.

Immer wieder versuchen Menschen, sich selbst und Anderen zu helfen. Sie geben nicht auf: der Kranke unter dem Thron erfährt liebevolle Zuwendung: "Ich war krank und ihr habt mich besucht" (Matthäus 25,36).

FELDER

Nahrung für mehr als einen Tag: Hunger ist allgegenwärtig in den Elendsvierteln.

Umso wichtiger ist es, sich gegenseitig zu helfen. Vielerorts bilden sich Netzwerke, weil man gemeinschaftlich mehr erreichen kann.

Die Menschen bauen Früchte und Gemüse an, Kleinhändler transportieren die Waren auf die lokalen Märkte.

Der Hunger kann dauerhaft durch Anbau und Vermarktung einheimischer Lebensmittel gestillt werden: "Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben" (Matthäus 25,35).

KREUZWEG

Gott mitten unter uns: Links im Bild hat der Künstler das Leben im Elendsviertel als Kreuzweg dargestellt. In den Armen trägt Jesus das Kreuz der nicht erfüllten Grundrechte durch unsere Zeit.

Gott hat hier seine Heimat gefunden, mitten in den Notunterkünften aus Blech und Pappe, zwischen stinkenden Tümpeln und in Vierteln mit hoher Kindersterblichkeit.

Das Spruchband mit Jesu Wort "Mich dürstet" ("J'ai soif") findet seinen Widerhall heute. Es ist auch der Durst nach "lebendigem Wasser" und Gerechtigkeit.

Und in Jesu Wort "Vater, vergib ihnen ("Pardonne-leur"), denn sie wissen nicht, was sie tun" bieten die Armen uns die Hand zur Versöhnung.

WELLBLECHHÜTTEN

Hoffnung auf ein besseres Leben: Die bunten Dächer der Hütten zeigen trotz aller Ärmlichkeit die Sehnsucht der Menschen, sich ein Zuhause zu schaffen und es sich "schön" zu machen - gegen alle Prognosen, getragen von der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Auf der einen Seite ist ein Leben im Elendsviertel vom Wohnen in zu kleinen, baufälligen Hütten und Häusern, von Armut, Gewalt und Gefahr geprägt.

Andererseits sind Slums das Zuhause von Frauen und Männern, die ihrer Arbeit nachgehen, von Kindern, die spielen und lernen.

ÖLTANKS

Meere füllen sich mit Öl: Gigantische Öltanks und Chemieanlagen ragen in den Himmel. internationale Konzerne gewinnen Öl und andere wertvolle Rohstoffe und exportieren sie nach Europa und Amerika.

Viele Entwicklungsländer werden als billige Rohstofflieferanten missbraucht und ausgebeutet, das Grundrecht auf eine gerechte Weltwirtschaftsordnung missachtet.

GEFÄNGNIS

Ausgeschlossen und nicht gewollt: Die Lebensbedingungen sind hart. Es gibt kein schützendes Wohnumfeld, keine Kanalisation, keine Straßen, keine Arbeitsmöglichkeiten, keine geregelte Erziehung und keine Sicherheit.

Eine der Hütten ist mit Gittern verrammelt. Dieses Gefängnis ist Symbol für die Randexistenz in allen Elendsvierteln dieser Welt:

Die Bewohner sind Ausgeschlossene und im Teufelskreis der Armut Gefangene: "Ich war (…) im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht" (Matthäus 25,43).

BANKEN UND KIRCHE

Gerechtigkeit schaffen: Zentralen internationaler Konzerne drängen immer weiter in die Slums hinein. Der Schriftzug "Lehman Brothers" steht stellvertretend für viele.

Ein Bagger ist schon angerückt und beginnt, die armseligen Hütten niederzureißen. Zwangsumsiedlungen sind an der Tagesordnung, die Abfindungssummen lächerlich niedrig.

Eine Kirche ist dazwischen eingezwängt:
Wie geht die Kirche mit den Herausforderungen der von marktradikalen Ideen beherrschten Welt um?

Das Bild zeigt, was geschieht, wenn wir uns auf das Wort Gottes einlassen: Kranke werden liebevoll umsorgt, Gefangene besucht, der Hunger dauerhaft gestillt durch Anbau und Vermarktung einheimischer Lebensmittel.

WEBER UND KINDER

Eigene Identität finden: Sokey Edorh hat einen traditionellen Weber abgebildet. Anstatt gebrauchte Kleidung aus dem Norden zu importieren, welche die einheimische Industrie zerstört, machen sich die Weber unabhängig von Importen: "Ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben" (Matthäus 25,36).

Die Menschen besinnen sich wieder auf ihre Traditionen und entwickeln eine eigene kulturelle Identität.

Dies gilt auch für die Kinder, die auf der roten afrikanischen Erde hocken und ins Spiel versunken sind. Die Erdpigmente, mit denen das Bild gemalt wurde, hat der Künstler aus seiner Heimat mitgebracht.

FREMDE

Willkommen geheißen:  Immer neue Menschen flüchten vom Land in die Städte. Die Armenviertel wachsen rasant an.

Andere wählen die Migration. Man sieht sie in kleinen Booten auf dem Meer treiben, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Aber es kommen auch Menschen an: Einige werden, in Rettungsringen im Wasser treibend, angespült.

Zwei dunkle Menschen treten von rechts in Bild. Sie werden von einer Frau empfangen und bewirtet. Sie sind willkommen: "Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen" (Matthäus 25, 35).

Wandern Sie mit der Maus über das Hungertuch und entdecken Sie Szenen und Symbole.

 

 

„Was ihr dem Geringsten tut“

Die großen Städte Lateinamerikas, Asiens und Afrikas werden immer größer. Aus dem armen Umland kommend, landen die Zuwanderer in den Elendsvierteln der Vorstädte – ohne Arbeit und in einer von Gewalt und Kriminalität geprägten Atmosphäre. Wer seiner Wurzeln beraubt ist, findet nur schwer neue Kontakte.

Der Weg in die Stadt ist oft genug ein Weg in die Armut. Weltweit lebt bereits jeder dritte Stadtbewohner in Slums, in den Entwicklungs- und Schwellenländern sind es sogar über 40%.

Diese Wohn- und Lebensraumsituation trifft heute schon in absoluten Zahlen über 1 Milliarde Menschen – also jeden 6. Menschen weltweit. Prognose: Verdoppelung in den nächsten 25 Jahren (UN). Die stark anwachsende Armut in den Städten ist eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahre.  

Ein Bild ist wie ein Leben – es hört nie auf (Sokey Edorh)

Sokey Edorh bei der Arbeit am MISEREOR-Hungertuch.

Das  collageartige Bild aus afrikanischer Erde, Wellpappe, Kohle und Acryl  thematisiert die unmenschlichen Lebensbedingungen in den Slums der Südkontinente, aber auch den Lebensmut der dort lebenden Frauen, Kinder und Männer.

Anknüpfend an die Verse von Mt 25,35ff nimmt Sokey Edorh diese Randgruppen der Gesellschaft in den Blick und zeigt sie als Akteure ihres eigenen Lebens. Ihre Kraft, ihr Einfallsreichtum und ihre Spiritualität können uns ein Vorbild sein. Wer sich jedoch der Menschen in Not entzieht, entzieht sich Gott.
Das Bild ist gestaltet in Anlehnung an die Verse vom Weltgericht Mt 25,31-46. Das Dreieck umschließt einige der Aktionen, die in positiver Weise in den Versen 35-36 genannt werden.

Ein erster Blick – Slum ist Chaos

Misereor-Hungertuch
Symbole: Das Hungertuch besteht aus Szenen, die verschiedene Aspekte der Fastenaktion aufgreifen.

Auf den ersten Blick mutet das Bild unruhig und sogar chaotisch an, keine klare Struktur weist Wege durch den Dschungel des Armenviertels. Hütten und Verschläge stapeln sich an den Rändern des Bildes übereinander, nebeneinander, die Dächer schief gegeneinander gesetzt, es ist eng, es ist staubig, Menschengewimmel, umherirrende Tiere - Straßenszenen eines Elendsviertels in Afrika, Asien oder Lateinamerika.

Der Blick bleibt schnell hängen an der kraftvollen Frau, die ihren viel zu schweren Karren hinter sich her zerrt, unterstützt von zwei sich abmühenden Kindern, die ihre Beine in den Boden stemmen.

Vom blauen Himmel, vom Geist Gottes her, öffnet sich ein Dreieck, ein afrikanischer Ashanti-Stuhl darunter, noch leer, wie blank geputzt in seiner Klarheit. Der Weltenrichter (Mt 25, 31) hat seinen Platz noch nicht eingenommen.

Schaut man länger auf das Treiben, nimmt der Blick einzelne Szenen in dem Gewimmel wahr: die durch Wellpappe akzentuierten Dächer der Hütten, Blechfässer als Hauswände aufgeschichtet, Bagger, die beginnen, die Behausungen zu zerstören. Man sieht die warmen Farben, das Azurblau des Himmels, die rote afrikanische  Erde, die Kinder im Staub, versunken in ihr Spiel.

Am Horizont ragen Öltürme auf, Geschäftshäuser rechts daneben, die immer weiter in die Armenviertel hineindrängen, ein lächerlich kleines Kirchlein mitten hineingezwängt, fast zerdrückt von den mächtigen Türmen. Nur wenige Straßenzüge trennen die gegensätzlichen Welten von Reich und Arm. …mehr

"Was ihr dem Geringsten tut"

Ein Film über die Entstehung des Hungertuchs und Sokey Edorh, den Künstler dahinter.

Der Künstler

Der togolesische Künstler Sokey A. Edorh gestaltet das Hungertuch 2011

Sokey Edorh ist 1955 in Tsevié geboren und lebt heute in Lomé/Togo. Er zählt zu den herausragenden zeitgenössischen Künstlern Afrikas.

Er verarbeitet in seiner Malerei den roten Lehm des afrikanischen Kontinents und experimentiert stetig mit neuen Materialien. Die Malereien Sokey Edorhs sind treffende Kommentare auf Afrikas Komplexität, darin bestrebt, den Kontinent von gängigen Vorurteilen und Klischees zu befreien.

Sokey Edorh hat in zahlreichen afrikanischen Slums in Benin, Kongo, Mali, Burkina Faso und Togo gelebt und gearbeitet.

Auszeichnungen (Auswahl)
Pollock Krasner Award, New York, USA (1996)
Preis der Heinrich Böll Stiftung Köln (1994)
1st Young painters award TVT Lomé, Togo (1977)

Weitere Infos auf der Website von Sokey Edorh

Sokey Edorh hat das Hungertuch in Aachen im Künstleratelier Otto36 gemalt. Wir danken Rainer Viebahn und Angelika Kinder für die freundliche Aufnahme und Unterstützung! 

Sokey Edorh mit Dr. Claudia Kolletzki von MISEREOR.

Kontakt

Dr. Claudia Kolletzki
Bildung und Pastoralarbeit
Tel.: 0241 442 178