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      Aachen, 06.08.2019

      "Wir fühlen uns täglich bedroht"

      Das Volk der Karipuna kämpft für seine Rechte und den Erhalt des Waldes

      (05.08.2019, Aachen) Adriano (33) trägt stolz seinen Schmuck aus Adlerfedern. Dieser zeichnet ihn als Anführer des Volkes der Karipuna aus, das im brasilianischen Bundesstaat Rondônia beheimatet ist. Gleichzeitig symbolisiert der Federschmuck, dass die Karipuna in Bedrängnis sind. Grund hierfür ist ein anhaltender Streit mit der Regierung, die zu wenig unternimmt, um ihre in der Verfassung verankerten Rechte zu schützen, und Indigene samt ihrer Schutzgebiete als Entwicklungshindernis betrachtet. Gleichzeitig sind sie Angriffen ausgesetzt, bei denen aus Profitgier ihr Land illegal betreten, zerstört oder geraubt wird. Dabei will das Volk der Karipuna nur friedlich und im Einklang mit dem Regenwald auf ihrem Land leben. MISEREOR nutzt den Tag der indigenen Völker am 09. August um auf die wachsende Bedrohungslage aufmerksam zu machen. Zugleich möchte das Werk für Entwicklungszusammenarbeit die damit zusammenhängende Verantwortung Deutschlands und der EU unterstreichen, die mit dem Abschluss des Freihandelsabkommens mit den Mercosur-Staaten noch gestiegen ist.

      „Seit dem Politikwechsel 2015 haben wir mittlerweile ständig Eindringlinge. Es sind Holzfirmen, Goldsucher, illegale Landspekulanten, die in unser Gebiet kommen und die uns nicht nur damit drohen, das Land wegzunehmen, sondern uns auch körperlich und mit dem Tod bedrohen. Wir leben in sehr großer Sorge, dass wir unser Land verlieren“, erzählt Adriano. Cleber Buzatto (43), Generalsekretär der Fachstelle für Indigene (CIMI) der katholischen Kirche in Brasilien, ergänzt: „Die Situation ist sehr besorgniserregend und hat sich nach der Wahl und auch während der sieben Monate der Amtszeit von Jair Bolsonaro verschlimmert. Durch dessen feindliche Haltung Indigenen gegenüber fühlen sich die Menschen, fühlt sich die Wirtschaft, dazu angeregt, Vorurteile offen auszuleben.“ So ließ Bolsonaro der Behörde zum Schutz der Indigenen die finanziellen Mittel kürzen, wodurch diese seither deutlich weniger Kontrollen durchführen können, ob die Rechte der Indigenen eingehalten werden.

      Ausverkauf des Regenwaldes auf Kosten von Menschenrechten und der Umwelt

      So gab es laut CIMI Anfang 2019 bereits mindestens sechs illegale Zutritte oder Androhungen von Zutritten in indigenen Schutzgebieten. Immer wieder komme es zu Ermordungen von Menschenrechtsaktivisten und Indigenenführern: 2017 gab es laut des CIMI-Berichts „Gewalt gegen indigene Völker“ 132 gewalttätige Angriffe auf Indigene sowie 110 Ermordungen. Genaue Zahlen für 2018 und 2019 liegen noch nicht vor. CIMI befürchtet jedoch, dass sie noch weiter gestiegen sein könnten. Auch die Abholzung des Amazonasregenwaldes, der grünen Lunge der Erde mit besonderer Bedeutung für die Stabilität des globalen Klimas, habe im letzten Jahr drastisch zugenommen: Satellitenbilder der brasilianischen Weltraumbehörde vergleichen die Abholzung im Juni 2019 mit dem Vorjahr und zeigten eine Zunahme der Abholzung um über 60 Prozent.

      Den Indigenen der Amazonasregion kommt als Hütern des Regenwaldes eine besondere Bedeutung zu. Denn ihre angestammten Territorien sind verfassungsgemäß vor dem Zugriff wirtschaftlicher Interessen geschützt. „Wir wollen den Wald schützen, das dient dem Wohle aller Menschen. Stellen Sie sich vor: Wenn wir den Wald nicht mehr durch unsere Anwesenheit schützen können, dann werden die Unternehmen ihn abholzen, ausbeuten und dabei zerstören. Eine Vielzahl an Arten und die verschiedenen indigenen Völker würden ihren Lebensraum verlieren“, erklärt Adriano.

      Freihandelsabkommen: Menschenrechte und Umwelt in Gefahr

      Vor diesem Hintergrund befürchten Cleber und Adriano, dass das geschlossene Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten die Situation der indigenen Bevölkerung noch verschärfen werde. Insbesondere die Agrarexporte möchte Brasilien infolgedessen erhöhen. Adriano macht deutlich: „Das geschlossene Abkommen macht mir große Sorge, denn fruchtbaren Boden für die geplanten höheren Exporte gibt es vor allem in den Territorien unserer indigenen Gebiete. Es betrifft nicht nur unser Volk, sondern auch andere indigene Völker. Aber wir leisten Widerstand! Wir existieren, um den Regenwald zu schützen und zu erhalten.“

      MISEREOR teilt diese Befürchtung und hatte bereits 2017 in einer Studie vor den negativen Auswirkungen des Abkommens auf Umwelt und Menschenrechte gewarnt. Vor dem Hintergrund der massiven Verschlechterung der Menschenrechtslage in Brasilien hatte MISEREOR noch im Juni gemeinsam mit über 340 europäischen und lateinamerikanischen Organisationen für ein Aussetzen der Handelsgespräche plädiert. „Bisher haben weder das Europäische Parlament, noch die nationalen Parlamente der EU-Mitgliedstaaten dem Abkommen zugestimmt. Gemeinsam mit unseren Partnern werden wir uns dafür einsetzen, dass sie dies auch nicht tun, damit das Abkommen in dieser Form nicht in Kraft treten kann“, erklärt Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer von MISEREOR.

      Cleber nimmt die deutsche Regierung ganz konkret in die Verantwortung: „Ob mit oder ohne Freihandelsabkommen: Es darf kein Handel stattfinden, der gegen bestehende Gesetze verstößt oder begünstigt, dass indigene Völker gefährdet und Natur und Umwelt zerstört werden.“ In diesem Zusammenhang kann auch die international beschlossene ILO-Konvention 169 gesehen werden. Sie garantiert Indigenen bei Großprojekten auf ihrem Land ein Konsultationsrecht, wodurch ihr Mitspracherecht gestärkt würde. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgelegt, diese Konvention zu verabschieden. „Die rasche Ratifizierung der ILO-Konvention 169, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, wäre ein wichtiges und notwendiges Signal“, so Bröckelmann-Simon.

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      Zur MISEREOR Studie: "Das MERCOSUR-Abkommen auf dem Prüfstand"

      Audio- und Videostatements sowie Fotos zur freien Verfügung finden Sie hier.

      Die digitale Pressemappe zur Amazonassynode finden Sie hier