MISEREOR
Aachen, 02. November 2017

"Das ist unser Fukushima!"

Der katastrophale Dammbruch des Samarco-Bergwerks in Brasilien jährt sich zum zweiten Mal

(Aachen, 02. November 2017) Am 05. November 2015 brach nahe der Stadt Mariana im Osten Zentral-Brasiliens der Damm des Rückhaltebeckens Fundão, Teil des Samarco-Bergwerks: Eine giftige Lawine von über 30 Millionen Kubikmetern Schlamm aus der Eisenerzmine bahnte sich daraufhin ihren 680 Kilometer langen Weg bis in den Atlantik: Dabei starben 19 Menschen, ganze Dörfer wurden zerstört, 349 Familien obdachlos. Drei Flüsse und fruchtbarer Boden von zahllosen Gemeinden wurden auf nicht absehbare Zeit vergiftet. Heute, zwei Jahre später, warten die betroffenen Menschen immer noch auf den Wiederaufbau ihrer Häuser und Dörfer und auf eine Entschädigung. Auch eine weitere Katastrophe kann nicht ausgeschlossen werden.

"Das Samarco-Verbrechen hat die Lebensgrundlage von unzähligen Menschen – nicht nur entlang des Rio Doce, sondern weit darüber hinaus in der Gesamtregion von Minas Gerais und Espírito Santo - zerstört. Das ist unser Fukushima!", so Filipe Fernandes, Koordinator des von MISEREOR finanzierten Zentrums für agrarökologische Landwirtschaft (CAT - Centro Agroecologico Tamandua) in Governador Valadares nahe der Unglücksstelle.

Verseuchtes Trinkwasser und Wassermangel

Nach wie vor ist das Wasser der betroffenen Flüsse laut dem städtischen Wasserversorger "Serviço Autônomo de Água e Esgoto" mit Schwermetallen wie Blei und Quecksilber belastet. Somit ist es ungeeignet für den Konsum sowie für die Bewässerung von Feldern, stellt aber oftmals die einzige Wasserquelle in der Region dar. Von dem sich daraus ergebenden Wassermangel sind 3,5 Millionen Menschen betroffen. Über 3.000 Fischer und Fischerinnen haben ihre Einkommensgrundlage verloren. Samarco bestreitet einen direkten Zusammenhang zwischen den hohen Schadstoffwerten in den Flüssen und der Schlammlawine und spricht davon, dass die kritische Phase nach der Umweltkatastrophe vorbei sei.

Außer schönen Bildern passiert nichts

Samarco hat eigens für den gesamten Wiedergutmachungsprozess die Stiftung Renova gegründet. "Auf Renovas wunderschöner Website wird in 43 Programmen anschaulich dargestellt, welche Fortschritte die Erneuerung macht. Aber das gibt es nur digital, in Wirklichkeit passiert nichts", ärgert sich Wellington Azevedo, langjähriger MISEREOR-Partner und Vertreter des "Permanenten Forums zur Verteidigung des Flusses Rio Doce". Stattdessen locke das Unternehmen mit Arbeitsplätzen im Bergbau, berichtet Azevedo. Dabei sei die Gefahr, dass es zu einer weiteren Katastrophe kommt, hoch: "Derzeit gibt es sechs Bergwerke, bei denen es um die Sicherheit der Rückhaltebecken schlechter bestellt ist als bei Fundão". Sein Forum hatte auch vor dem Unglück von Mariana vor den Risiken gewarnt, blieb aber ungehört.

Samarco entzieht sich der Verantwortung

Wiedergutmachungsverträge, die ohne die Betroffenen geschlossen wurden, sind von der brasilianischen Justiz mehrmals für ungültig erklärt worden. "Renova will sich schnell der wahren Probleme entledigen, mit etwas Geld die Leute stumm stellen und sich und Samarco dann sauber zurückziehen", erläutert Felipe Fernandes. Regina Reinart, Länderreferentin bei MISEREOR, ergänzt: "Das Absurde ist, dass die Schuldigen selbst eine Analyse ihres Verbrechens erstellen und Entschädigungssummen anbieten. Die Betroffenen werden nicht gehört. Deshalb unterstützt unser Partner Caritas Brasilien sie dabei, ihre Forderungen direkt an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. Diese soll die Entschädigungssummen verwalten – nicht Renova oder Samarco".

UN-Abkommen zu Wirtschaft und Menschenrechten

Der UN-Menschenrechtsrat erarbeitet aktuell ein internationales Abkommen zur Haftung von Unternehmen bei Menschenrechtsverletzungen. Einige der wesentlichen Ziele sind der Vorrang der UN-Menschenrechtsverträge vor Handels- und Investitionsschutzabkommen sowie der Rechtsschutz für Geschädigte auch in den Heimatländern der Unternehmen. Auch im Fall Mariana würde dieses Abkommen die Position der Betroffenen stärken und ihnen zu ihrem Recht verhelfen.

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