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      © picture alliance
      Aachen/Würzburg, 03. Dezember 2021

      Armuts-Staaten verfehlen Impfziele bis Jahresende

      (Aachen/Würzburg, 03. Dezember 2021) 96 Prozent der sogenannten Niedrigeinkommensländer werden aller Voraussicht nach das von  der Weltgesundheitsorganisation vorgegebene Ziel verfehlen, bis zum Ende dieses Jahres mindestens 40 Prozent ihrer Bevölkerungen  gegen COVID-19 zu impfen. Darauf machen MISEREOR und das Missionsärztliche Institut (MI) aufmerksam. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die ärmsten Staaten der Welt haben UN-Angaben zufolge bislang nur 0,6 Prozent der weltweit ausgelieferten Impfstoffe erhalten. „Mitte November wurden global sechs Mal so viele Auffrischungsimpfungen gegen das Corona-Virus verabreicht, wie in den Ländern mit niedrigem Einkommen an Erstimpfungen vorgenommen werden konnten“, kritisiert Tilman Rüppel, Referent in politischer Anwaltschaft beim MI. 

      Unter Niedrigeinkommensländern werden Staaten verstanden, deren Bruttonationaleinkommen (BNE) pro Kopf und Jahr weniger als 1045 Dollar beträgt. 27 Länder fallen unter diese Kategorie. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt das BNE je Einwohner*in mehr als 47.000 Dollar. 
       „Das Auftreten von Virusvarianten wie jüngst Omikron bestätigt erneut, dass die weltweite Versorgung mit Impfstoffen gegen das Corona-Virus viel konsequenter als bisher sichergestellt werden muss“, sagt Maria Klatte, Corona-Beauftragte und Leiterin der Abteilung Afrika und Naher Osten bei MISEREOR. „Die Pandemie kann nur durch eine globale, gerechte Impfstrategie erfolgreich bekämpft werden. Wenn sich das Virus weiter verbreiten und neue, womöglich impfresistente Varianten bilden kann, werden sich die bereits jetzt gravierenden Folgen von Corona sowohl im globalen Norden als auch im globalen Süden weiter verschärfen.“

      Produktionskapazitäten erhöhen

      MISEREOR und das MI appellieren daher an die künftige Bundesregierung, eine vorübergehende Aussetzung der Patentrechte auf alle im Kampf gegen Corona benötigten Impfstoffe und Technologien nicht weiter zu blockieren. Eine entsprechende Änderung des in den 1990er Jahren auf Ebene der Welthandelsorganisation in Kraft getretenen TRIPS-Abkommens, mit dem globale Standards für den Schutz geistigen Eigentums festgelegt wurden, hat Deutschland bislang abgelehnt. „Allen technologisch dazu fähigen Unternehmen auf der Welt muss es rechtlich gestattet sein, Impfstoffe, Diagnostika und Medikamente gegen COVID-19 zu produzieren“, fordert Rüppel. „In Verbindung mit Wissenstransfer und finanzieller Unterstützung könnten somit die weltweiten Produktionskapazitäten mittel- und langfristig stark angehoben werden. Nur so kann der erhöhte Bedarf an Impfstoffen gedeckt werden, der sich aufgrund von Auffrischungsimpfungen und der notwendigen Anpassung der Vakzine an mutierte Virusvarianten ergibt.“

      Wenig Konkretes im Koalitionsvertrag

      MISEREOR und MI halten es weiterhin für erforderlich, dass Deutschland seine Impfstoffabgabe an bedürftige Länder über die globale Impfinitiative COVAX erhöht und beschleunigt: „Auch eine höhere finanzielle Beteiligung Deutschlands am internationalen Kampf gegen die Pandemie erscheint angemessen. Die voraussichtlichen Steuerzahlungen des Mainzer Impfstoff-Herstellers BioNTech werden in diesem Jahr etwa vier Milliarden Euro betragen, was ziemlich genau jener Summe entspricht, die Deutschland seit 2019 zusätzlich zur Förderung der globalen Gesundheit aufgewendet hat“, erläutert Rüppel. „Aus diesem Grund sollten zusätzliche finanzielle Anstrengungen aus dem Bundeshaushalt als Antwort auf die anhaltende Pandemie selbstverständlich sein.“

      Nach Einschätzung von Maria Klatte enthält der Koalitionsvertrag der künftigen Ampel-Regierung noch keine ausreichende Antwort auf den Corona-Notstand in benachteiligten Weltregionen.  „Weil Länder mit hoher Armutsquote am meisten unter der Pandemie leiden, muss die Bundesregierung diesbezüglich mehr tun. Eine gerechte globale Antwort auf die Pandemie muss an die Stelle von Profitmaximierung von Privatunternehmen und das massenhafte Horten von Impfstoff durch wohlhabende Staaten treten“, unterstreicht die MISEREOR-Expertin. Darüber hinaus müssten die Gesundheitssysteme auch generell gestärkt werden, um Handlungsfähigkeit zu erhalten und Resilienz gegenüber Pandemien zu stärken.

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      COVID-19 in Südafrika

      Ein Erfahrungsbericht der MISEREOR-Partnerorganisation Care Ministry

      Es ist schwer in Worte zu fassen, vor welche Herausforderungen uns die COVID 19-Pandemie bei der Bereitstellung von Gesundheitsdiensten in den Gemeinden Südafrikas gestellt hat. Das Care Ministry unterstützt seit 25 Jahren die Bedürftigsten in den unterversorgten Gemeinden. Wir haben uns in den 90er Jahren mit den Schwierigkeiten der HIV-Pandemie auseinandergesetzt, bevor die antiretrovirale Therapie allgemein verfügbar war und junge Erwachsene in verheerenden Zahlen zu Hause starben. Auch die Tuberkulose-Pandemie und die Ängste, die vor allem mit der arzneimittelresistenten Tuberkulose verbunden sind, begleiten uns weiterhin. Doch nichts hätte uns auf die einzigartigen Herausforderungen der COVID 19-Pandemie vorbereiten können.

      Die gravierendste Herausforderung, die diese Gesundheitskrise für uns außergewöhnlich schwierig gemacht hat, waren die massiven Auswirkungen, die die Pandemie direkt auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Care Ministry hatte. In den ersten Tagen verbreitete die Angst vor einem neuen, unbekannten Virus Panik in den Pflegekräfte-Teams. Überall in den Nachrichten waren Bilder von hohen Todesraten in China und Italien zu sehen und die sozialen Medien schürten Fehlinformationen und Angst. Die Pflegerinnen und Pfleger gehören selbst zu stark gefährdeten Bevölkerungsgruppen, viele haben HIV oder Begleiterkrankungen wie Diabetes. Der Mut, den diese fantastischen Pflegekräfte-Teams aufbringen mussten, macht mich demütig. Motiviert durch ihren Wunsch, den Kindern in unserer Obhut weiterhin zu helfen, haben sie sich jeden Tag der Angst gestellt.

      Die von der Regierung verhängten Abriegelungen hatten den zusätzlichen Effekt, dass die Kriminalität zunahm, und so waren die Betreuerinnen und Betreuer neben den Risiken für ihre eigene Gesundheit auch vermehrt mit Belästigungen, Gewalt, Raubüberfällen und Entführungen konfrontiert. Unsere Teams haben diese äußerst stressigen Zeiten zum Glück überstanden.

      Am verheerendsten war für uns der Verlust von Menschenleben innerhalb unseres Teams von Mitarbeiterinnen und Freiwilligen. Seit Beginn der Pandemie hat das Care Ministry insgesamt 10 Mitarbeiterinne und Mitarbeiter in allen Projekten verloren. Bei sechs von ihnen wurde eine COVID-Diagnose bestätigt. Diese Zahlen sind für unsere Organisation beispiellos. Der Schock und die Trauer, die unsere Teams erfasst haben, waren und sind eine Quelle enormen Schmerzes. Zur Trauer über den Verlust unserer Kolleginnen und Kollegen kamen die zahlreichen Todesfälle in der Familie und im Freundeskreis, die die Mitarbeitenden ebenfalls zu verkraften hatten.

      Unterstützung des Feldlazaretts

      Das Ministerium für Pflege wurde von der Gesundheitsbehörde gebeten, bei der Besetzung der Palliativstation im Feldkrankenhaus zu helfen. Dies macht uns zwar sehr stolz, aber es ist auch eine enorme emotionale Belastung für die Mitarbeitenden der Station.

      An der Palliativpflege sind in der Regel die Familienangehörigen, Freundinnen und Freunde der Patientinnen und Patienten beteiligt, um sie in diesen letzten Tagen zu begleiten. Unter normalen Umständen nimmt das Pflegepersonal eine unterstützende Rolle in diesem familiären Team ein, die zwar immer anstrengend, aber auch unglaublich lohnend und erfüllend sein kann. Im Gegensatz dazu isoliert COVID-19 den Patienten oder die Patientin jedoch vollständig von allen geliebten Menschen. Die Pflegekräfte fanden sich gefangen zwischen kranken Patientinnen und Patienten, deren Zustand sich schnell und unerwartet verschlechtern konnte, und verzweifelten Angehörigen, die verzweifelt nach Kommunikation und Informationen über ihren Ehepartner, ihre Eltern, Kinder oder Geschwister suchten. Die Pflegekräfte versuchten, die Sterbenden zu trösten, verzweifelte Videoanrufe mit der Familie außerhalb des Krankenhauses zu ermöglichen, die Heilung zu fördern und gleichzeitig ihre eigenen Ängste und Sorgen zu bewältigen.

      Lichtblicke

      Es ist schwer, zu diesem Zeitpunkt „Lichtblicke" zu nennen. Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass wir uns immer noch im Auge des Sturms befinden. Als Direktorin stellt man sich die Frage, was man in den letzten 18 Monaten hätte anders machen können oder sollen, aber ich hoffe, dass man mit der Zeit positiver auf die Leistungen und Erfolge unserer großartigen Teams von Krankenschwestern, Pflegern und Freiwilligen zurückblicken kann.

      In den letzten sieben Monaten hat sich der Pflegedienst an der Einführung von Impfungen beteiligt, mit Schwerpunkt auf der Impfung von Hausbewohnerinnen und -bewohnern, obdachlosen Menschen und Migrantinnen und Migranten. Unsere Beteiligung an dieser Impfaktion für die Schwächsten ist eine greifbare Erinnerung daran, dass es unsere Aufgabe als gemeinnützige Organisation ist, Gesundheitsdienste für diejenigen bereitzustellen, die sonst zurückgelassen würden, die am Rande der Gesellschaft stehen. Dies war unser Leitprinzip bei der Entscheidungsfindung, und ich bin voller Demut über den enormen Mut, den meine phänomenalen Teams bewiesen haben, um den Zugang zur Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Leider war dies mit großen Opfern verbunden!

      Botschaft an den Westen

      Offensichtlich ist es nun ein vorrangiges Anliegen eine Impfstoffgleichheit in Afrika zu erreichen und ich möchte daher die führenden Politikerinnen und Politiker der Welt auffordern, ihre globale Verantwortung gegenüber den ärmeren Nationen ernst zu nehmen. Für unsere eigene kleine Realität in unserer kleinen Nichtregierungsorganisation bitte ich jedoch um Gebet. Es gibt nichts anderes, was uns bis zu diesem Punkt hätte tragen können. Der tiefe Glaube unserer Teams und ihre Motivation, denen, die leiden, das Antlitz Christi zu zeigen, haben uns gestärkt. Zu wissen, dass Partnerinnen und Partner auf der ganzen Welt für uns beten, so wie wir für sie beten, ist lebensspendend, und wir wären unendlich dankbar für das Wissen um diese Unterstützung.

      Siobhan Dooley ist Direktorin der langjährigen MISEREOR-Partnerorganisation Care Ministry in Port Elizabeth, Südafrika

       


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      Weitere Informationen zum Thema Impfgerechtigkeit und Corona – mit Partnerstimmen – finden Sie hier.