Misereor Logo

Eine Erbschaft für die Armen

Eine Reportage von Michael Mondry

Der Briefkastenschlitz ist zugeklebt, kniehoch steht das Gras im Garten, von der Sofagarnitur berichten nur noch die Druckstellen im Wohnzimmerteppich. Seit einem halben Jahr ist das zweistöckige Einfamilienhaus nicht mehr bewohnt. In einem bürgerlichen Viertel im Herzen des Ruhrgebiets, wo Landwirtschaft sich an Industriekultur anlehnt, steht das Haus, das erst vor kurzem den Besitzer gewechselt hat: eine Erbschaft für die Armen.

Henrike Rick und Norbert Dreßen sind an diesem Morgen früh aufgestanden. Seit mehr als zehn Jahren sind die MISEREOR-Mitarbeiter gemeinsam verantwortlich für Nachlässe aller Art, die dem katholischen Entwicklungshilfswerk von wohlwollenden Spendern hinterlassen werden. Heute steht eine Alleinerbschaft auf dem Tagesprogramm, zu der das Wohnhaus von Ursula M. mit Inventar und allen persönlichen Werten gehört. Dreßen und Rick wollen das Erbe in Augenschein nehmen und wenn möglich auch schon einen Teil der Abwicklung des Nachlasses in Angriff nehmen. "In rund 80 Testamenten pro Jahr wird MISEREOR als Begünstigter benannt", berichtet Justiziar Norbert Dreßen auf der Fahrt von Aachen, dem Sitz der MISEREOR-Geschäftsstelle, ins Ruhrgebiet. "Dabei handelt es sich meist um finanzielle Begünstigungen, was im Jahr rund drei Millionen Euro ausmacht. Seltener tritt MISEREOR als Alleinerbe auch die Rechtsnachfolge der Verstorbenen an und erhält damit den gesamten Nachlass." Nach der Eröffnung des Testaments wird MISEREOR in der Regel vom zuständigen Amtsgericht benachrichtigt. Auf der Grundlage eines notariellen Testaments oder Erbscheins erfolgt die Abwicklung des Nachlasses, vom Überschreiben des Barvermögens über die Auflösung des Haushaltes und den Verkauf von Immobilien und anderen Wertgegenständen bis hin zur Grabpflege.

Vertrauen schaffen

Das erste Gespräch in Gelsenkirchen führt Norbert Dreßen mit der Betreuerin der Verstorbenen. Es dreht sich um Sparbücher, amtliche Schriftstücke, beglaubigte Urkunden. Unterdessen verschafft sich Henrike Rick einen Überblick über das Mobiliar, die Teppiche, die Wertgegenstände. Das Haus ist noch fast komplett eingerichtet. Nur die Sofagarnitur  befindet sich mit einigen Schränken im Seniorenwohnheim, in dem Ursula M. das letzte halbe Jahr ihres Lebens verbracht hat. "Es ist natürlich auch unsere Aufgabe, wertvolle Gegenstände aus dem Nachlass zu verkaufen, um das Geld den MISEREOR-Projekten in Afrika, Asien und Lateinamerika zur Verfügung stellen zu können", erklärt Henrike Rick, Referentin für Spenderkontakte. "Wichtig ist neben der korrekten Abwicklung aber auch die menschliche Seite, die ein Todesfall in einer Familie mit sich bringt. In jedem Nachlass gibt es persönliche Dinge mit ideellem Wert, die den Angehörigen viel bedeuten und für sie Erinnerungen an die Verstorbenen wachhalten. Deswegen bemühen wir uns sehr darum, eine Atmosphäre des Vertrauens zwischen uns und den Angehörigen zu schaffen und die Wünsche der Freunde und Verwandten mit einzubeziehen", so Rick.

Sideboard, Gläser und die Dröppelminna

Gesagt, getan: Schon bald nach Ankunft der MISEREOR-Mitarbeiter im Haus von Ursula M. treffen Bekannte und Freunde der Verstorbenen ein. Bruder und Schwägerin werden aus dem nahe gelegenen elterlichen Hof hinzugeholt. Henrike Rick ermuntert die Angehörigen und Freundinnen, über die Verstorbene zu sprechen. Zunächst beherrscht die Frage das Gespräch, warum gerade MISEREOR bedacht wurde. So entsteht allmählich ein lebendiges Bild von Ursula M. und dem, was ihr zu Lebzeiten wichtig war. Anfängliche Skepsis und Unsicherheit verwandeln sich bald in ein offenes Gespräch. Man kommt sich schnell näher. Es geht schließlich auch darum, im Interesse der Verstorbenen Erinnerungsstücke zu verteilen. Das Sideboard war schon vor dem Tod versprochen. Das halbe Besteck hat schon das Patenkind. An den Bruder geht das Ölbild mit der Ansicht vom elterlichen Hof, vielleicht hat der Enkel in Amerika Interesse an dem Erinnerungsstück. Auch einige andere Möbelstücke und Gläser finden gegen eine Spende weitere Verwendung. Und dann ist da noch die "Dröppelminna". Das bauchige Zinngefäß aus vergangenen Tagen stand ehedem auf dem elterlichen Hof. Dort könne sie ja jetzt wieder hin, das wäre doch sicher im Interesse der Verstorbenen gewesen, meint die Schwägerin. Henrike Rick zeigt sich erfreut über den Verlauf des Gesprächs.

Sonderform des Spendens

So vielfältig wie die Dinge, die hinterlassen werden, sind auch die Beweggründe, ein katholisches Hilfswerk als Erben einzusetzen. Vielen sei es bereits zu Lebzeiten ein Anliegen, etwas gegen die Armut in der Welt zu tun. Deshalb wollten sie mit ihrem Testament auch über den Tod hinaus den Armen helfen, so Norbert Dreßen. "Nachlässe haben sich mehr und mehr zu einer besonderen Form des Spendens entwickelt. Es gilt, eine gute Balance zwischen einem einfühlsamen Umgang mit den Angehörigen und einer korrekten Abwicklung im Sinne des Erblassers zu halten", erläutert Dreßen den zeitintensiven persönlichen Einsatz vor Ort. Zum festen Bestandteil jeder Erbschaftsabwicklung gehört so die Teilnahme an der Trauerfeier oder der Besuch am Grab des Verstorbenen.

Lebenspraktische Erfahrung

Auch heute besuchen die MISEREOR-Mitarbeiter vor der Rückfahrt nach Aachen gemeinsam mit Bruder und Schwägerin das Grab von Ursula M. Um die Pflege des  Grabes kümmert sich in Zukunft MISEREOR. Die Bepflanzung spricht Norbert Dreßen mit der Friedhofsgärtnerei ab. Gleich vor Ort entscheidet man sich mit den Verwandten für einen Grabstein. "Man muss schon recht vielseitig sein in diesem Aufgabenbereich; Lebenserfahrung schadet dabei nicht", schmunzelt der 52-jährige Jurist. "In der Regel haben wir positive Erfahrungen gemacht", zieht Henrike Rick ein Fazit aus den letzten zehn Jahren. "Wie bei unserer heutigen Erbschaft freuen wir uns, wenn wir es schaffen, einen guten Kontakt zu den Verwandten aufzubauen und ohne Streit die Dinge im Sinne der Verstorbenen zu regeln." Auch eine Menge Skurriles haben die beiden inzwischen erlebt: Der Goldbarren und die Pistole in der Schreibtischschublade forderten die lebenspraktische Erfahrung ebenso heraus wie der Baumdiebstahl auf einer geerbten Forstfläche im Allgäu. Die Finca in Spanien, das Lebenswerk eines Künstlers und die Gewinnbeteiligung an einem Skilift, alles war schon Teil von Erbschaften zu Gunsten von MISEREOR-Projekten. Was bei beiden nach jedem Besuch in der vergangenen Lebenswelt eines bis dahin unbekannten Menschen bleibt, ist aber vor allem Nachdenklichkeit. "Immer wenn ich ein Foto des Verstorbenen in die Nachlass-Akte bei MISEREOR lege, wird mir bewusst, dass man nichts mitnehmen kann", bekennt Henrike Rick. "Sterben und Loslassen gehört für uns zum Leben dazu. Wenn dann auch noch ein Teil dessen, was zurückbleibt, einem guten Zweck zugeführt wird, lohnt sich der Einsatz."

helder-camara-stiftung

Die MISEREOR-Stiftung für nachhaltige Hilfe mehr

Kontakt

Henrike Rick
Projektpartnerschaft und Spenderkontakte
Tel.: 0241 442 503
Norbert Dreßen
Justiziariat
Tel.: 0241 442 262

Geprüft und empfohlen

Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen/DZI bescheinigt MISEREOR den effizienten und verantwortungsvollen Umgang mit Spenden.