
Der Sertão, ein Gebiet so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen, ist das Armenhaus Brasiliens – und im Bewusstsein der Bevölkerung als „Katastrophenregion“ verankert. Tatsächlich fallen acht Monate im Jahr keine nennenswerten Niederschläge. Ob und wie viel es in den übrigen vier Monaten regnet, ist nicht berechenbar, und immer wieder gibt es Jahre, in denen der Regen nur spärlich oder gar nicht fällt. Dennoch können die Bewohner des Sertão auch extreme Trockenzeiten bei entsprechender Vorbereitung gut überstehen. Das zeigen die Konzepte, die die Kleinbauernschule IRPAA seit zwei Jahrzehnten erfolgreich umsetzt.

„Meu Deus, was haben wir früher gehungert.“ Aminta (38), Kleinbäuerin in Caladinho im Sertão, schüttelt den Kopf. „Wenn der Regen neun oder zehn Monate ausblieb, dann verendeten die Tiere, dann starben unsere Gärten und dann hungerten wir, Tag für Tag. Zwei meiner Kinder sind gestorben, weil es kein sauberes Wasser mehr gab. Ich habe lange um meine Kleinen geweint… Doch zum Glück sind diese Zeiten jetzt vorbei. Wir alle können im Sertão leben. Unser Land ist reich. Man muss nur über seine Natur Bescheid wissen und die richtigen Technologien kennen – und dank IRPAA haben wir nun das nötige Wissen.“
Die Kleinbauernschule IRPAA ist die erste Organisation, die für das semi-aride Klima des Sertão geeignete Methoden der Wassergewinnung, des Feldbaus und der Tierhaltung systematisch zusammengetragen, erprobt und pädagogisch aufbereitet hat. Daraus entwickelte IRPAA das Gesamtkonzept der „Convivência com o Semi-Árido“, des Lebens im Einklang mit dem halbtrockenen Klima. Es beinhaltet vor allem die Wassergewinnung und -aufbewahrung durch den Bau von Zisternen, Regenrückhaltebecken und unterirdischen Staudämmen, die Umstellung der Tierhaltung von Rindern auf Schafe und Ziegen, die dem semi-ariden Klima weit besser angepasst sind, sowie die Umstellung des Feldbaus auf Sorten, die weniger Wasser benötigen, z.B. von Mais auf Sorghum.
Der Erfolg dieses Konzepts hängt maßgeblich davon ab, dass die Menschen genügend Land für den Anbau von Pflanzen und die Tierhaltung zur Verfügung haben. Allerdings ist die Landfrage ein weiteres großes Problem: Denn in Brasilien besitzen nicht einmal zwei Prozent der Landeigentümer fast die Hälfte des nutzbaren Bodens. „Die Großgrundbesitzer lassen riesige Flächen oft brachliegen, und hier haben viele Familien nicht einmal genug Land, um sich selbst davon ernähren zu können. Das ist eine große Ungerechtigkeit, die wir nicht mehr länger hinnehmen wollen“, sagt Aminta.

Tatsächlich protestieren immer mehr gesellschaftliche Kräfte gegen einseitig begünstigte Interessen von Großgrundbesitzern und Agrokonzernen – allen voran die „Bischöfliche Kommission für Landpastoral“ (CPT) und die „Bewegung der landlosen Bauern“ (MST). Beide setzen sich für eine Agrarreform ein, die auch der kleinbäuerlichen Landwirtschaft genügend Raum lässt. Zudem unterstützen sie die Kleinbauern z.B. juristisch, wenn sie ungenutztes Land besetzen und bebauen - in Brasilien ein legaler Akt, den Großgrundbesitzer und Behörden jedoch oft nicht respektieren.
Darüber hinaus leisten CPT und MST Widerstand gegen fragwürdige Großprojekte wie die geplante Teilumleitung des Rio São Francisco, die die Armut der Landbevölkerung weiter verschlimmern. Angeblich sollen durch die Umleitung des Flussunterlaufes Richtung Nordosten die Wasserprobleme der Bevölkerung im Sertão gelöst werden – tatsächlich sind aber nur vier Prozent des umgeleiteten Wassers für die Versorgung der Menschen vorgesehen. Mit dem Rest sollen neue Zuckerrohrplantagen der Großgrundbesitzer bewässert werden, aus denen Agrotreibstoffe für die Industriestaaten gewonnen werden sollen. Bei einer Realisierung des Projektes würden die erheblichen Mittel, die die Flussumleitung verschlänge, für eine wirklich effiziente Bekämpfung der Armut im Sertão fehlen.
MISEREOR-Zusage: 550.000 Euro
CPT und MST erhielten 1991 gemeinsam den Alternativen Nobelpreis.
zum Thema Hunger bekämpfen
MISEREOR ist wegen Förderung der Entwicklungszusammenarbeit von der Körperschaftssteuer befreit. Bestätigung zur Vorlage beim Finanzamt (pdf)