
Afghanistan hat mit etwa 70 Prozent eine der weltweit höchsten Analphabetenraten. Für die Zukunft des Landes und den Wiederaufbau nach über 20 Jahren Krieg und Bürgerkrieg ist es von entscheidender Bedeutung, dass die junge Generation eine vernünftige Grundbildung erhält. Doch das afghanische Schulsystem ist schlecht: Es setzt auf große Zentralschulen, die für viele Mädchen und Jungen nicht erreichbar sind, veraltete Lehrmethoden, Auswendiglernen und unsinnige Vorschriften, die die Schule für viele Kinder zu einem „fremden Raum“ machen. Ein ganz anderes Konzept verfolgt die von MISEREOR unterstützte Initiative OFARIN: Sie bietet einen Unterricht, der an die lokalen Bedürfnisse angepasst ist und darauf abzielt, die Kinder zu selbstständigem Denken zu befähigen.

Der Unterricht von OFARIN findet wohnortnah in Moscheen oder Privatwohnungen statt – z.B. in der Moschee im Kabuler Stadtteil Bini Hissar: Jeden Tag sind die drei Gebetsräume bereits um halb sieben Uhr morgens gut gefüllt. Rund 200 Jungen sitzen auf dem Boden, barfuß und konzentriert. Vor ihnen liegen Bücher und Hefte. Die Schüler haben sich erarbeitet, wie zweistellige Zahlen addiert werden; nun üben sie den Stoff anhand von alltagsnahen Aufgaben ein: „Ein Bauer besitzt eine Herde von 36 Schafen. Auf dem Markt kauft er 11 Tiere dazu – wie groß ist seine Herde nun?“
„Die Kinder kommen gern hierher“, sagt Abdul, ihr Lehrer. „Wir unterrichten jeden Tag 90 Minuten, vormittags die Jungen, nachmittags die Mädchen. Die Kinder lernen hier mehr als in den staatlichen Schulen, wo der Unterricht täglich mindestens vier Stunden dauert. Dort wird nur auswendig gelernt, während die Kinder bei uns lernen, selber zu denken. Außerdem dürfen sie hier auf dem Boden sitzen, was sie von zu Hause gewohnt sind, und ihre traditionellen Kleider tragen – beides ist in den öffentlichen Schulen verboten.“

Organisiert und bezahlt wird der Unterricht vom MISEREOR-Partner OFARIN. Ziel der Initiative ist es, Kindern aus wirtschaftlich und strukturell unterentwickelten Stadtteilen Kabuls sowie in ländlichen Regionen Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Vor allem in der Hauptstadt leben seit der Zerschlagung der Talibanherrschaft 2001 viele zurückgekehrte Flüchtlinge in schlecht erschlossenen Siedlungen, die gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen weitgehend abgeschottet sind. Ihren Kindern kommt der wohnortnahe Unterricht von OFARIN zugute - vor allem den Mädchen. Denn gemäß dem traditionellen afghanischen Wertesystem erlauben ihnen Anstand und Sitte keinen langen Schulweg. „In die nahe gelegene Moschee kommen auch die Mädchen, so kann OFARIN auch ihnen eine anständige Grundbildung vermitteln“, sagt Abdul.
Um den Unterricht möglichst anschaulich und lebensnah zu gestalten, konzipiert OFARIN auch neue Lehrmaterialien – ein Aufwand, der sich auszahlt. „Seit wir unser selbst entwickeltes Mathematikbuch benutzen, sagen die Schülerinnen und Schüler übereinstimmend, dass ihnen der Unterricht viel mehr Spaß macht“, berichtet Peter Schwittek, der Programm-Koordinator von OFARIN.

Neben der Hauptstadt Kabul erstreckt sich das Schulprogramm von OFARIN auch auf die Provinzen Logar und Pandschir. Die einzelnen Projekte sind vor Ort fest verankert und bei der Bevölkerung gut angesehen. Dies zeigt sich auch an den hohen Schülerzahlen: Insgesamt 5.500 Jungen und Mädchen nehmen am Unterricht von OFARIN teil – ein hoffnungsvolles Zeichen für die weitere Entwicklung Afghanistans.
30 Euro beträgt das Monatsgehalt eines Lehrers bei OFARIN
45 Euro kostet der Schulbesuch eines Kindes pro Jahr.
MISEREOR-Zusage: 50.000 Euro
Die „Organisation zur Förderung afghanischer regionaler Initiativen und Nachbarschaftshilfen“ (OFARIN) betreibt ihr Schulprogramm seit 1998. Der deutsche Entwicklungshelfer Dr. Peter Schwittek leitet die Projekte des gemeinnützigen Vereins.
MISEREOR ist wegen Förderung der Entwicklungszusammenarbeit von der Körperschaftssteuer befreit. Bestätigung zur Vorlage beim Finanzamt (pdf)