(Aachen, 17. Juni 2011) - Im Sudan fliehen immer mehr Menschen vor Angriffen der Armee in der Provinz Süd-Kordofan. Im Vorfeld der Sudanreise von Außenminister Guido Westerwelle Mitte nächster Woche fordert das katholische Entwicklungshilfswerk MISEREOR auch mit Blick auf den UN-Weltflüchtlingstag am 20. Juni von der Bundesregierung und der Weltgemeinschaft, sich gerade um solche Flüchtlinge verstärkt zu kümmern, die - wie im Sudan - kaum im Fokus der Medienöffentlichkeit stehen. "Die Reise des Außenministers unmittelbar vor der offiziellen Unabhängigkeit des Südsudan ist ein sehr wichtiges Zeichen", sagte MISEREOR-Geschäftsführer Dr. Martin Bröckelmann-Simon. "Dies gilt umso mehr, als Deutschland nun den Vorsitz im UN-Sicherheitsrat übernehmen wird. Wir tragen damit entscheidende Verantwortung für Frieden und Stabilität im Südsudan! Der Außenminister sollte bei seiner Reise daher unbedingt auch Vertreter der sudanesischen Kirche treffen, die uns gerade voller Sorge von den jüngsten dramatischen Entwicklungen berichten."
Rund 150 000 Menschen sind in den vergangenen Wochen vor Kämpfen im umstrittenen Grenzraum zwischen Nord- und Südsudan geflohen. Sie befinden sich derzeit vor allem in der zentralen Region Warab, berichtete Sharon de Souza, Mitarbeiterin der sudanesischen Diözese El Obeid, bei einem Besuch des katholischen Entwicklungshilfswerks MISEREOR in Aachen. "Die Flüchtlinge sind in sehr großer Not. Sie haben nichts zu essen, kein sauberes Trinkwasser und können sich auch vor dem derzeit starken Regen in der Region kaum schützen." Hilfsorganisationen haben momentan außer auf dem Luftweg keine Möglichkeiten, die Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen, da die Zufahrtswege in die Gebirgsregion durch Militär blockiert werden.
Wenige Wochen vor der offiziellen Unabhängigkeitserklärung des Südsudans, die für den 9. Juli geplant ist, eskaliert die Gewalt in dem seit Jahrzehnten von Bürgerkrieg zermürbten ostafrikanischen Land. Nachdem nordsudanesische Soldaten im Mai die zwischen dem Norden und dem Süden Sudans heftig umkämpfte Region Abyei besetzt hatten, gab es in jüngster Zeit etliche Luftangriffe der nordsudanesischen Armee auf die Provinz Süd-Kordofan. Dieses Gebiet ist offiziell Teil des Nordsudans, seine Bürger fühlten sich jedoch mehrheitlich dem Süden zugehörig, erläutert MISEREOR-Länderreferentin Cora Laes-Fettback. Ein großer Teil kämpfte während des Bürgerkriegs für die südsudanesische Rebellenorganisation SPLA. Nordsudans Präsident Umar Hasan Ahmad al-Baschir hat nun unverhohlen damit gedroht, Abtrünnige in diesem Gebiet umbringen zu lassen. "Im schlimmsten Fall droht hier ein Völkermord", warnt Sharon de Souza. Es gebe zudem Hinweise, dass Baschirs Truppen den Einsatz von Chemiewaffen vorbereiteten. Stefan Marx, der als Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) eng mit MISEREOR kooperiert, schließt nicht aus, dass es zu einem neuen Krieg zwischen dem Norden und dem Süden Sudans kommen kann. Für den Norden steht der Zugang zu wichtigen Rohstoffvorkommen auf dem Spiel: Nach der Abspaltung der erdölreichen Südprovinzen würde der Nordsudan nur noch dann Zugang zu Ölquellen behalten, wenn er die Kontrolle über zentrale Gebiete wie Süd-Kordofan behält.
MISEREOR fördert derzeit 23 Projekte im Sudan, insbesondere in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Bildung mit einem Gesamtvolumen von EUR 6.632.700,00.
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