Artikel-Schlagworte: „Minderheiten“

29
Nov

Die innere Kraft der Dalits

Von Raj

Die Times of India berichtete in ihrer Ausgabe vom 26. Mai 2011 über beachtliche Bildungserfolge der Dalits. Eine höhere Anzahl von Sekundar-schulabsolventen aus stark benachteiligten Kasten und ethnischen Gruppen , als erwartet worden war, hat – so die Reportage – das zentrale Zulassungsverfahren für Technische Hochschulen erfolgreich durchlaufen und ist zum Studium angenommen worden.

Die Zeitung schildert sogar Fallbeispiele von Dalit-Schülern, die besser abgeschnitten haben als ihre Mitschüler aus anderen Kasten. In der Tat belegt die Geschichte durch zahllose Beispiele die erstaunlichen Fähigkeiten der Dalits, wenn sie nur eine Chance bekommen. Schon wenn sich ihnen die Tür ein klein wenig öffnet, sind sie in der Lage, sie aufzustoßen, um im Leben voranzukommen. Gleichzeitig zeigt die Geschichte aber auch, dass die Kastengesellschaft in Indien versucht, jeden solchen Ansatz zu unterbinden. Dafür ist ihr in ihrer Habsucht jeder Trick recht, damit ihr alle Ressourcen weiterhin ungehindert zufließen und ihr Besitzstand nicht geschmälert wird.

In meinem Buch DYCHE, the Dalit Psyche habe ich dargelegt, dass es in der Gemeinschaft der Dalits eine nahezu unerschöpfliche Quelle innerer Kraft gibt. Wenn diese Kraft einen Weg finden könnte, sich in den gesellschaftlichen Strukturen zu entfalten, dann hätten wir ein Indien, das allen Indern unbeschränkte Entwicklungsmöglichkeiten zugestehen würde. (weiterlesen…)

18
Nov

Das Wald-Volk

Von Gast

Die Journalistin Melanie Hofmann reiste mit MISEREOR-Referentin Anika Schroeder zu den Orang Rimba nach Sumatra, einem Volk, das traditionell eng verbunden mit dem Wald lebt. Seit das Gebiet der Orang Rimba zum Nationalpark erklärt wurde, sollen sie nun aus dem Herzen des Waldes vertrieben werden. Hier berichtet Melanie Hofmann, wie die Orang Rimba sich dagegen zur Wehr setzen:

Der Wald - ursprünglicher Lebensraum der Orang Rimba.

Der Wald - ursprünglicher Lebensraum der Orang Rimba.

“Die Orang Rimba haben ihr eigenes System, den Wald zu schützen. Sie haben Regeln, die die Bevölkerung von außerhalb und sie selbst einschränken, gewisse Regionen des Waldes zu nutzen. Laut altem Gewohnheitsrecht ist vor allem der tiefste Teil des Waldes Tabu. Hier leben die Orang Rimba bis heute. Sie schlagen kein Holz ein. Sie glauben an das Weitergeben alter Traditionen und Weisheiten, um den Wald zu schützen. Nur einmal im Jahr beispielsweise ernten sie wilden Honig in den zwei Meter breiten Ziala-Bäumen – ihr Brauch verbietet, das öfter zu tun.
2004 hat die Regierung auf dem Gebiet der Orang Rimba einen Nationalpark ausgerufen. Die Idee ist eigentlich gut, allerdings kommen Nationalparks meist auch mit Zonen. In Zone 1, dem Kern des Schutzgebietes, dürfen keine Menschen leben. „Wo jetzt Zone 1 ist, der Kern des Urwalds, das war eine riesige Fläche, auf der die meisten von uns gelebt haben“, sagt Mijak Tampung. Eigentlich hat er keinen Nachnamen, der Zusatz „Tampung“ heißt so viel wie „vom Land“. 13.000 Hektar ist Zone 1 groß. Er ergänzt, dass auch der Nutzwald in Zone 1 fallen soll.
Jetzt sollen die Stämme aus dem Herzen des Waldes und aus ihrem Nutzwald vertrieben werden – oder zumindest der Versuch ist gestartet. Laut Mijak soll die Zonierung durchgesetzt werden, auch gegen den Willen der Orang Rimba. „Niemand hat uns gefragt, bevor der Nationalpark errichtet wurde“, so der junge Stammführer. Das sei das Schwierige für die Orang Rimba: Sie fühlen sich im Stich gelassen, weil sie nicht in den Prozess involviert wurden. (weiterlesen…)

14
Nov

Der Wald wird knapp in Indonesien

Von Anika Schroeder

Plantagen für Papier und Biodiesel fressen sich immer weiter in den Wald. Der wenig erhaltene Wald soll nun – auch mit deutscher Unterstützung – für das Klima geschützt werden. Die Journalistin Melanie Hofmann machte sich gemeinsam mit mir auf die Reise nach Sumatra, um herauszufinden, ob dieser Schutz mit oder gegen die Bewohner der Region umgesetzt wird. Hier berichtet Melanie Hofmann:

“Ein Dilemma, zwischen zwei Entscheidungen stehen. Das ist ein altes Phänomen, eines, das uns im Alltag immer wieder begegnet.

Die Kleinbauern in Tanjung Mandiri bauen heute ihren Reis dort an, wo ein Unternehmen zuvor abholzte.

Die Kleinbauern in Tanjung Mandiri bauen heute ihren Reis dort an, wo ein Unternehmen zuvor abholzte.

Auch Udi (36) steht vor einem Dilemma: Einerseits möchte er sich selbst und seine Familie ernähren, ein zufriedenes Leben führen, ein bisschen Land bebauen. Und andererseits weiß er, dass das Land, das er für sich beansprucht, für ein Klimaschutzprojekt verwendet werden soll. “Und die Umwelt schützen, das ist auch wichtig”, sagt er.
Trotzdem entscheidet er sich im Zweifel für seine Familie, sein Überleben. Eine menschliche Entscheidung. Und kann nicht auch irgendwie beides gehen? Überleben, ohne die Umwelt zu zerstören?

Wir sind im Dorf Tanjung Mandiri. Freudig begrüßen uns die Dorfbewohner mit einer Versammlung – wir hätten lieber ein kleines Zusammentreffen gehabt. Die NGO CAPPA hat uns hierhin mitbekommen, damit wir hautnah miterleben können, wie sie ihre Arbeit machen. Natürlich stehlen wir ihnen die Show, sitzen auf dem Präsentierteller.

Trotzdem hören die Leute CAPPA zu, denn sie sprechen den großen Feind des Dorfes an: PT REKI. Glaubt man den Dorfbewohnern, dann hat hier einiges Unrecht statt gefunden. Gift habe man auf die Plantagen gesprüht. CAPPA mahnt dazu, Ruhe zu bewahren und rät zu einem “soft approach”. (weiterlesen…)

30
Aug

Bei den Karen

Von Laura

Ich bin angekommen an der thailändisch-burmesischen Grenze. Gestern habe ich mit meinen Kollegen zum ersten Mal das Flüchtlingslager Tham Hin besucht. Nach einer Stunde kurviger Fahrt, die ab jetzt wohl mein Arbeitsweg sein wird.

Ich schreibe euch von meinem winzigen Balkon aus, der zum Glück überdacht ist, denn es schüttet wie aus Eimern. Nach einem zehnstündigen Direktflug sind wir letzte Woche in Bangkok herzlich empfangen worden. Dort ging es für uns dann gleich richtig anstrengend los. Wir hatten zwei Tage hintereinander von morgens bis abends Briefings. Wir waren beeindruckt von der straffen Organisation und der Professionalität von COERR und natürlich auch etwas verunsichert.

Uns wurde zum ersten Mal etwas konkreter erzählt, was unsere Aufgaben sein werden, was COERR genau macht und was es überhaupt mit den Flüchtlingen auf sich hat. (weiterlesen…)

29
Jul

Bitti Chakri – Free Caste Labour

Von Raj

Bitti Chakri oder auf Englisch free caste labour ist ein in Indien praktiziertes soziales System, das Dalits zwingt, ohne Entgelt bestimmte Arbeiten für die Angehörigen der Kasten zu verrichten. Es hat soziale und wirtschaftliche Hintergründe. Das entscheidende Problem bei diesem System besteht darin, dass die Dalits versklavt und ihnen ihre Freiheit und Menschenwürde genommen wird.

Im Hinduismus ist es so, dass die Dalits, weil sie in die ausgegrenzten Kasten hineingeboren werden, dazu bestimmt sind, niedere Tätigkeiten für die gesamte Dorfgemeinschaft auszuführen. Das gilt als ihre Pflicht den anerkannten Kasten gegenüber. In den meisten indischen Dörfern zählen folgende Tätigkeiten noch heute zu den unentgeltlichen Pflichten der Dalits:
•    Entfernung von Tierkadavern. Stirbt ein Tier im Dorf, lässt es der Eigentümer einfach liegen. Man schickt nach den Dalits, damit sie kommen und den Kadaver wegräumen.
•    Straßenreinigung.
•    Reinigung der Abwasserkanäle.
•    Bekanntmachung von Ankündigungen im Dorf durch das Schlagen der Dalit-Trommeln. Jede Information, die die Kastenherren im Dorf verbreiten wollen, haben die Dalits in den Straßen auszurufen.
•    Schlagen der Dalit-Trommeln bei Trauerzügen.
•    Aufsuchen von Familienmitgliedern nah und fern, wenn ein Kasten¬angehöriger stirbt.
•    Ausheben von Gräbern für die Verstorbenen der Kasten.
•    Bereitstellung von Brennholz für Hochzeitsfeiern in den Häusern der Kastenangehörigen.
•    Abfallentsorgung nach öffentlichen Festmählern der Kastenangehörigen.
•    Tragen von Lampen bei Dorfumzügen.

Ich habe in dieser Auflistung nur die allgemein üblichen Tätigkeiten erfasst. Wir stehen hier einem gesellschaftlichen Übel gegenüber, weil nur von den Dalits erwartet wird, dass sie solche Aufgaben übernehmen. Daran liegt es nicht zuletzt, dass Indien teilweise nicht gerade sehr sauber ist. Alle Kastenangehörigen denken, dass Saubermachen und Putzen die Pflicht der Dalits ist. (weiterlesen…)

18
Jul

ÜberLeben in Kalkutta

Von Gast

Seit Dienstag bin ich auf Recherchereise für die Fastenaktion 2012 in Indien: mitten in den Slums von Kalkutta (eigentlich: Kolkata). Im Mittelpunkt stehen die Kinder und Jugendlichen des MISEREOR-Projektpartners Tiljala-Shed: Sie sind es, die mein Herz bewegen, die mich zum Lachen und Weinen bringen, die die Zukunft dieser Stadt sind.

we-shall-overcome

Ihar Tunaskar, lebt gefährlich. Er lebt in einer Hütte, direkt an den Bahngleisen. Unfälle sind hier an der Tagesordnung.

Und doch scheint sich vieles gegen sie verschworen zu haben. Als muslimische Minderheit leben sie am Rand der Gesellschaft, viele von ihnen sind Flüchtlinge, andere leben schon seit Jahrzehnten hier. Ihre Hütten aus Bambus, Plastikplanen und Wellblech stehen an giftigen Flüssen oder an gefährlichen Bahnschienen. Auf 6-9 m² leben sie zu viert, manchmal sogar zu  acht. Da mag es schwer fallen, an den Himmel auf Erden zu glauben.  Sie leben von dem, was sie Tag für Tag durch ihrer Hände Arbeit verdienen. Das ist nicht viel. So arbeiten auch die Kinder mit, um ihren Beitrag für den Familienunterhalt zu leisten. Sie sammeln und sortieren Müll, sie kleben Sandaletten und Schuhe, sie verkaufen Getränke und T-Shirts auf den Bürgersteigen dieser wuseligen Stadt. Tagsüber wird es gefühlte 40 Grad heiß, die extreme Luftfeuchtigkeit lässt es fast noch heißer erscheinen. Die Luft ist erfüllt von einem süßlich-bitteren Geschmack – so wie ich es von obergärigen Biotonnen oder gelben Säcken her kenne.

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