Der Kreuzweg – Die Sehnsucht nach Wasser und Versöhnung
Das Chaos lichtet sich allmählich. Wir entdecken Strukturen, Szenen verdichten sich zu Bildern.
Ein Kreuzweg von Frauen und Männern bahnt sich seinen Weg Richtung Ashanti-Stuhl. Die Menschen tragen Kreuze mit sich, christliche Symbole des Leidens und der Auferstehung. Sie halten Banner hoch: „Ich habe Durst!“, lesen wir, und: „Vergebt ihnen!“ Beides erinnert an letzte Worte Jesu, die er am Kreuz kurz vor seinem Tod sprach. Christus ist so mitten unter ihnen.
Das Dreieck – ein idealisierter Slum?
Ein lichterfülltes Dreieck lässt die Szenen im Zentrum des Bildes leuchten. Das Dreieck geht aus vom Geist Gottes. Er schwebt über einem leeren Ashanti-Stuhl. Der Thron ist noch leer, der Menschensohn in seiner Herrlichkeit noch nicht gekommen (vgl. Mt 25, 31). In dem Dreieck finden sich die verschiedenen Aktionen von Mt 25,35f positiv gefasst dargestellt: es ist ein hoffnungsvoller Slum, den der Künstler hier idealisiert darstellt, Symbol der Humanität, der Hilfe zur Selbsthilfe. So ist es an einigen wenigen Orten bereits verwirklicht.
So könnte es sein.
Die Frau – Aus der Dunkelheit ins Licht
Ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben: Die dynamische und kraftvolle Frau zieht mit aller Kraft einen schweren Karren ins Zentrum, der mit einem Kanister voll frischen Wassers beladen ist. Sauberes Wasser ist Mangelware in Slums. Sauberes Wasser kann den Durst der Menschen löschen. Aber die Frau schafft es nicht alleine - zwei Kinder drücken den Karren mit aller Kraft vorwärts. Nicht das frische Wasser steht im Zentrum der Szene, sondern die sich abmühenden Menschen.
Ich wollte spielen, aber ihr habt mir nichts zum Spielen gegeben: Solange Kinder arbeiten müssen, damit ihre Familien überleben können und nicht Kind sein dürfen, solange keine Zeit für Schulbildung bleibt, haben sie keinerlei Perspektive für ihr weiteres Leben. Sie bleiben im Teufelskreis der Armut gefangen. Das Recht auf Spielen und auf Bildung. Kinder unten rechts, die spielen. Spielzeug, kreativ, selbstgebaute Dinge. Das Kind links repariert sein Fahrrad.
Die Kinder haben ein Recht auf eine Lebensperspektive und auf Bildung. Sokey Edorh hat rechts eine Schule abgebildet, in der die Kinder unterrichtet werden.
Ganz oben links am Rand, man sieht es kaum, haben Jugendliche ein kleines Areal gefunden, auf dem sie Fußball spielen und sich austoben können, Kinder sein dürfen. Wer keine Schuhe hat, spielt schon längst mit Socken, denn unter den bloßen Füßen hält man den sich aufheizenden, sandigen Belag des Platzes nur bis zum späten Vormittag aus.
Ich war krank und ihr habt mich besucht: Über der Frau ist eine Person gezeigt, krank und elend, die von mitleidigen Menschen gepflegt wird. Eine organisierte Krankenversorgung und Gesundheitsvorsorge existiert in Slums nicht. Die Verhältnisse sind vielmehrkrankmachend: unzureichende Hygiene, mangelnde Bildung, ungenießbares Wasser, Hunger, keine Kanalisation, eine Toilette muss für einhundert, manchmal eintausend Menschen reichen. Immer wieder versuchen Menschen, sich selbst zu helfen und geben nicht auf: dieser Kranke hier erfährt liebevolle Zuwendung. Schräg links daneben findet vor den Hütten eine Unterweisung in Gesundheitsthemen statt, damit die Hilfe organisiert und strukturiert werden kann.
Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben: In kleinen Gärten bauen die Menschen Früchte und Gemüse an, Kleinhändler transportieren die Waren. Hier haben sich die Menschen bereits Strukturen geschaffen, die über den Tag hinaus tragen. Die Erträge werden geerntet und vermarktet und geben einigen Familien eine Perspektive.
Ich war nackt und ihr habt mich bekleidet: Hier hat Sokey Edorh einen traditionellen Kente-Weber abgebildet. Auch hier zeigt Sokey Edorh strukturelle Hilfe auf: Anstatt gebrauchte Kleidung aus dem Norden zu importieren, welche die einheimische Industrie kaputtmacht, besinnen die Menschen sich auf ihre eigenen Traditionen und machen sich so unabhängig von Importen.
Der Slum als Gefängnis - Eingeschlossen und unerwünscht
Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen: Die Verschläge drängen sich eng nebeneinander. Gestank schlägt uns entgegen. Die Lebensbedingungen sind unglaublich hart: Keine Privatsphäre, kein schützendes Wohnumfeld, keine Kanalisation, keine Strassen, keine Arbeitsmöglichkeiten, kein Zugang zu Bildung. Dafür Kriminalität, Gewalt, Prostitution, Schmutz, Hunger, Krankheit, Rechtlosigkeit.
Ein der Hütten ist mit Gittern verrammelt, ein Gefängnis, ein dunkles Loch. Dieses Gefängnis ist für den Künstler ein Symbol für die Randexistenz in allen Slums dieser Welt: Der gesamte Slum ist das Gefängnis, seine Insassen Ausgeschlossene, Nicht-Gewollte, Unerwünschte. Die übrigen Bevölkerungsgruppen betrachten sie in zunehmendem Maße als überflüssig, als finanzielle Belastung und als bedrohliches Sicherheitsrisiko. Aber der Gefangene ist nicht ganz allein: ein Mann oder eine Frau mit gelber Hose besucht ihn, bringt ihm eine Gabe.
Der Strand – Weggehen und Ankommen
Wir gehen vom Gefängnis schräg nach oben rechts.
Wir blicken an den Geschäftszentralen internationaler Konzerne hoch, die in den Himmel aufragen und sich in die Viertel der Armen hinein drängen. Ein Bagger ist schon angerückt und beginnt, die armseligen Hütten niederzureißen. Zwangsumsiedlungen sind an der Tagesordnung, die Abfindungssummen, wenn überhaupt gezahlt, lächerlich niedrig.
Logos internationaler Konzerne sind auf den alten Fässern zu lesen, die den Armen als Behausungen dienen: Esso, Shell, Total, Elf, Lehman Brothers. Die Namen beanspruchen keine Vollständigkeit: zu nennen wären noch viele andere. Bis heute erleidet Afrika Rassismus und Herablassung sowie brutale Ausbeutung.
Schwarze Ziegen klettern vor den Banken auf den Hüttendächern herum – geschieden von den weißen Schafen, die rechts am Himmel grasen und die das ewige Leben erhalten werden (Mt 25,31f).
Zwischen die Hochhäuser zwängt sich ein kleines Kirchlein: Wie gehen wir als Kirche mit den Herausforderungen der modernen, globalisierten und von marktradikalen Ideen beherrschten Welt um?
Rechts am Rande wieder Hütte neben Hütte, immer neue Menschen flüchten vom Land in die Städte. Die Slums wachsen rasant an. Andere wählen die Migration.
Wir sind am Strand angekommen und sehen sie in kleinen Booten auf dem Meer treiben, einer ungewissen Zukunft entgegen. Viele überleben die Flucht nicht.
Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen: Eine Schlüsselszene des Bildes ist die merkwürdig anmutende Szene in der rechten oberen Ecke: Zwei archaisch wirkende dunkelhäutige Menschen kommen hinein in das Bild. Woher sie kommen ist nicht klar. Sie kommen von irgendwoher. Aber jemand erwartet sie: Sie werden von einer ebenso dunklen, aber bekleideten Frau empfangen, die sie mit einer Gabe in der Hand bewirtet. Zwei Boote liegen ruhig am Strand. Im Meer treiben einige Personen in rot-weißen Rettungsringen auf den Strand zu. Auch sie sind Ankommende. Flüchtlinge aus irgendeinem Land dieser Welt. Wahrscheinlich haben sie ähnliche Verhältnisse hinter sich gelassen. Diese Szene zeigt ein Kommen und Gehen, die ständige Bewegung, sie zeigt die Heimatlosigkeit der Menschen, unsere Heimatlosigkeit hier auf Erden.
Die Ankommenden bekommen zu essen und zu trinken. Ihr Durst wird endlich gelöscht. Sie sind sogar willkommen: die Sehnsucht nach Versöhnung und Vergebung wird endlich erfüllt.
Unser Weg in den Slum hinein begann mit einem Gefühl der Desorientierung. Man mag ihn verlassen mit einem Gefühl der Bewunderung. Als am Rande der Gesellschaft Stehende nutzen die Menschen doch all ihre Kreativität, um zu überleben. Sie schaffen sich ihr kleines Gewerbe, pflanzen Lebensmittel an, verkaufen ihre Waren auf dem Markt, ihre Kinder gehen zur Schule, sie teilen ihr Essen und ihr Leben mit den Nachbarn.
Nach dem Chaos und dem Schock kommt ein angenehmes Staunen.
Das Ankommen hört nicht auf. Viele Nationen leben miteinander in den Slums dieser Welt und für alle ist trotz der Enge Platz. Vieles ist ohne Logik, chaotisch eben, aber man fühlt Bewunderung für die Aktivität dieser Menschen, für ihren Mut und ihre Hoffnung gegen alle Hoffung. Es sind diese Ausgeschlossenen, die Verantwortung für sich selber wahrnehmen und an unsere Verantwortung appellieren.
Dr. Claudia Kolletzki